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"Wirtschaft fördern heißt nicht: die Evolution verneinen"

Dr. Michael Dannebohm. Foto: WFG Unna

Dr. Michael Dannebohm. Foto: WFG Unna

1961 wurde die Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) Kreis Unna gegründet, um den Strukturwandel in der Region zu begleiten. Seitdem hat sie ca. 500 Unternehmen mit über 30 000 Arbeitsplätzen in den Kreis geholt. Ihre Aufgaben haben sich im Zuge der Globalisierung gewandelt: Aus welche Weise kann die öffentliche Hand trotzdem weiter „Wirtschaft fördern“, wo soll sie sich heraushalten, und wieso rückt der Einzelhandel stärker in den Focus der WFG? Und – nicht zuletzt: Was macht diese Gesellschaft eigentlich weiterhin nötig? Zu diesen Fragen nimmt WFG-Geschäftsführer Dr. Michael Dannebom Stellung.

Herr Dr. Dannebom, Einzelhandel war bisher eher nicht das klassische Feld der WFG. Wenn Sie momentan durch die Innenstädte schlendern und die teils großflächigen Leerstände bemerken; wenn Städte wie Kamen für viele Millionen Euro ihre Innenstädte attraktiver machen, für Besucher und für den Handel  – Unna überlegt ja auch gerade in diese Richtung: Sieht sich die WFG nicht in Mitverantwortung? Schließlich ist es ihre Aufgabe, „Wirtschaft“ zu „fördern“, mit was für Mitteln auch immer.

Dr. Michael Dannebom: Zu beidem: Ja. Ja, unser klassischer Aufgabenbereich ist nicht Einzelhandel, sondern Gewerbeansiedlung. Und trotzdem ja: Wir müssen uns intensiver um Einzelhandel und die Innenstädte kümmern.  Die Frage ist allerdings, wieviel kann, darf und soll öffentliche Hand leisten.

Sagen Sie es uns. Was darf, soll und kann die WFG?

Dr. Michael Dannebom: Filialisierung, Discounterisierung  – beides ja häufig  beklagt – hat viel damit zu tun,dass wir globalisierte Märkte haben. Durch Globalisierung sind viel mehr Arbeitsplätze verloren gegangen als im Bergbau. Ich werde Globalisierung aber nicht verteufeln. Denn die Märkte suchen sich ihre Strukuren – sehen Sie die Textilindustrie, die sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hat, indem sie sich nach China ausbreitete. Geöffnete, freie Märkte haben uns ein hohes Wachstumsniveau gebracht. Davon profitieren wir alle. Denn uns allen muss erst einmal daran gelegen sein, dass Arbeitsplätze geschaffen werden.

Diese Arbeitsplätze rechtfertigen aus Ihrer Sicht die Kannibalisierung traditioneller Einzelhandelsstrukturen?

Dr. Michael Dannebom:  Wenn ich Einzelhandel bewerte, kann ich bestimmte Realitäten nicht ausklammern. Blicken wir konkret nach Unna: Ich substituiere also den Buchhändler vor Ort durch Amazon und den Textileinzelhändler durch KiK. Das ist keine Wertung! Ich möchte es aber auch mal sagen dürfen: dass sich Dinge verändern. Online-Business besteht, man kann es nicht wegdenken. Sich hinzustellen und zu sagen, das böse, böse Internet – das wäre so, als ob ich die Evolution verneine!

Womit wir wieder malbei der berühmten Abstimmung mit den Füßen wären… das nette, kleine Fachgeschäft am Ort will jeder, aber einkaufen können dort bitte die anderen, ich gehe schneller ins Internet.

Dr. Michael Dannebom: Es gibt viel Schizophrenie. Ich kann mich nicht beschweren, wenn ich selbst im Internet einkaufe. Und Filialen, Discounter… sie erfüllen auch eine soziale Funktion in unserem Staat. Wie kann ich Menschen, die sozial schwächer gestellt sind, das Recht verweigern, preiswert einzukaufen?

Wie kann Wirtschaftsförderung solche Realitäten anerkennen und gleichzeitig Wirtschaft am Ort fördern? Bleiben wir hier noch beim Einzelhandel.

Dr. Michael Dannebom:  Bei einem Leerstand gibt es mehrere Möglichkeiten: a) ich finde einen anderen Laden, der reingeht. Wir haben bei der WFG ganz praktisch unser Immobilienportal, auf dem wir Leerstände darbieten.  b) ich widme den Laden um: zu Büros, Wohnraum… so wird aus einem Textilgeschäft z. B. ein Rechtsanwaltbüro. Der Anwalt zieht aus der oberen Etage ins Erdgeschoss, und damit ist der Leerstand – der triste Anblick – beseitigt. Oder bzw. und: Ich versuche, den kleiner werdenden Handelsbesatz in Unna zu komprimieren, indem ich ihn etwa an der Bahnhofstraße zusammenziehe. All das setzt natürlich voraus: Wir müssen mit den Eigentümern reden. Die nächste Krux.

Wieso? Weil Eigentümer nicht mit sich reden lassen wollen, indem sie z. B. auf Preisvorstellungen beharren?

Dr. Michael Dannebom: Auch das, oder wenn es Erbengemeinschaften sind, über Deutschland verteilt oder weiter, an die ich für Gespräche einfach nicht heran komme. Warum haut man dann aber immer gleich auf die Wirtschaftsförderung, auf die Stadt? Wieso spricht man nicht mal ganz konkret die Eigentümer auf ihre Verantwortung an? Glauben Sie ja nicht, dass auch nur ein Cent von einer Einzelhandelskooperation an uns gezahlt würde, um z. B. ein Quartiersmanagement aufzubauen. Es kann doch eins nicht sein: Alles, was schlecht ist, muss von der öffentlichen Hand repariert werden, alles, was gut ist, wird aber privatisiert. Wir brauchen eine individualisierte, verantwortungsvolle Bürgergesellschaft!

Ketzerisch zum Schluss gefragt: Braucht der Kreis Unna die WFG überhaupt noch? Die FDP Unna sprach Ihnen im vorigen Jahr quasi die Existenzberechtigung ab, indem sie behauptete, diee Städte – konkret Unna – könnten ihre Wirtschaftsfragen schneller und kompetenter selbst regeln.

Dr. Michael Dannebom: Mit der Partei hat es bald daraufl ein klärendes Gespräch gegeben, soviel dazu. Klar ist: Unsere Schwerpunktaufgaben als WFG bleibt die Planung und Vermarktung von Gewerbeflächen. Und da gab es in den vorigen Jahren keine größere Ansiedlung im Kreis Unna, bei der wir nicht dabei gewesen wären. Mal durch Gründerberatung, mal durch die Bereitstellung von Flächen, mal dadurch, dass wir Kontakte herstellten. Bei vielem tritt als WFG nicht direkt in Erscheinung. Das VW-Qualifizierungszentrum an der B1 war z. B. eines unserer Ansiedlungsprojekte: Wir haben die Pressemitteilung hier im Haus erstellt und anschließend zu den Wirtschaftsvertrieben geschickt, die sie verbreiteten.

Mit Dr. Michael Dannebom sprachen Silvia Rinke und Frank Kuhlmann.

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