Rundblick-Unna » „Wir müssen dringend an uns arbeiten“: Interview mit Gudrun Friese-Kracht (SPD)

„Wir müssen dringend an uns arbeiten“: Interview mit Gudrun Friese-Kracht (SPD)

Ein Gespräch mit Gudrun Friese-Kracht, Ratsvertreterin der SPD Unna und eine der drei Stellvertreterinnen des Fraktionsvorsitzenden


Die wichtigste Frage zu Beginn, Frau Friese-Kracht.: Wie geht es Ihnen?

Gudrun Friese-Kracht: (lächelt) Es wird. Jeden Tag ein bisschen besser.

Ich frage Sie das nicht von ungefähr, es ist keinesfalls eine Höflichkeitsfloskel: Sie waren sehr schwer krank. Sie mussten eine 14stündige Operation überstehen, danach viele Wochen im Krankenhaus und anschließend in der Reha verbringen. Fühlen Sie sich denn schon wieder halbwegs fit für die Politik?

Gudrun Friese-Kracht nach Krankheit

Bei unserem Interview war Gudrun Friese-Kracht damit einverstanden, dass wir sie – noch von ihrer Krankheit gezeichnet – fotografierten.

Gudrun Friese-Kracht: Ich lasse es langsam angehen. Aber ich möchte mich schon gern wieder einbringen nach dieser langen Zeit. Zunächst mal bin ich natürlich total glücklich darüber, wieder zu Hause bei meiner Familie sein zu können. Ich habe täglich mehr Energie. Ich darf natürlich keine Werbung machen (lacht) – aber ich trinke jeden Tag ein Fläschchen eines ganz bestimmten Vitaminpräparats. Und ob Sie´s glauben oder nicht: Das hilft!

Dann falle ich ich mal mit der Tür ins Haus – die Frage geht an eine der stellvertretenden Vorsitzenden der größten Unnaer Ratsfraktion. Wie geht es der SPD?

Gudrun Friese-Kracht: (überlegt – etwas länger) Sie fragen mich nach dem Zustand der SPD. Wir müssen an uns arbeiten. Wir müssen – dringend – an uns arbeiten.

Inwiefern?

Gudrun Friese-Kracht: Wir haben sieben Fraktionen im Rat. Sechs sind gegen uns. Da müssen wir uns nicht noch gegenseitig zerfleischen.

Sie sprechen von gegensätzlichen Strömungen, Grabenkämpfen innerhalb der SPD – namentlich zwischen Oberstadt und Königsborn – , die in der Diskussion um die Lindenbrauereizuschüsse offen ausbrachen?

Gudrun Friese-Kracht: Bei dieser Diskussion um die Spartenrechnung, die Ingrid Kroll – absolut zu Recht! – vom Trägerverein der Lindenbrauerei einforderte, wurde für jeden offensichtlich, dass wir im Moment nicht mit einer Stimme sprechen. Dahin müssen wir unbedingt wieder kommen. Man kann innerhalb der Partei verschiedener Meinung sein. Man kann, man soll sich streiten. Zivilisiert und mit Respekt. Die gemeinsam getroffenen Entscheidungen müssen dann aber geschlossen nach außen getragen werden. Dahin müssen wir zurück. Was mir ganz wichtig ist: Es darf nicht persönlich werden!

Wurde es persönlich?

Gudrun Friese-Kracht: Ich war ja jetzt längere Zeit nicht dabei. Aber man konnte schon den Eindruck gewinnen, dass persönliche Angriffe unternommen wurden. So etwas geht nicht. Man muss in einer Partei reden. Das ist wie in einer Ehe. Eine Ehe ist in dem Moment kaputt, wo nicht mehr miteinander geredet wird. Als ich für die SPD damals in den Stadtrat einzog, hat Michael Hoffmann gesagt: Willkommen in der Familie. Damit hatte er Recht!

Zerfasert die SPD in Sprachlosigkeit?

Gudrun Friese-Kracht: Eher in Ortsvereine. Oberstadt, Massen, Königsborn. Die alten Gräben, die früher schon sichtbar waren, brechen wieder auf, und zwar massiv. Nicht gegeneinander. Füreinander! Für Unna! Das war immer auch Michaels Devise, und dadurch hat er die Partei trotz Grabenkämpfen immer zusammenhalten können.

SPD

Frau Friese-Kracht, ist Ihnen bewusst, dass die SPD – als Gesamtfraktion – seit Michael Hoffmanns Tod am 29. Oktober 2014 keinen einzigen Antrag mehr eingebracht hat? Ich klammere den Antrag des Ortsvereins Oberstadt auf einen Zuschuss fürs Bornekampbad-Kinderbecken hier mal aus.

Gudrun Friese-Kracht: (stutzend und leicht fassungslos den Kopf schüttelnd) Die Partei muss dringend wieder zusammenrücken und politisch aktiver werden. Natürlich unterstützen wir als SPD unseren SPD-Bürgermeister. Aber wir müssen trotzdem ureigene sozialdemokratischen Vorstellungen in die Verwaltungsvorschläge einbringen. Bei der Neubebauung des Brockhausplatzes zum Beispiel: Wir müssen da billiger werden!

Zur Rede stehen am Brockhausplatz 300 Euro pro Quadratmeter Bauland…

Gudrun Friese-Kracht: … und an der Weberstraße waren es auch schon über 200 Euro. Wir sind eine soziale Partei! Teure Sachen haben wir zur Genüge. Horenkamp ist auch so ein Beispiel. Ich war auch schon bei Dehne skeptisch!

Jetzt greifen Sie etwas weiter zurück: Der Dehne-Komplex an der Massener Straße wurde abgerissen zugunsten hochpreisiger Seniorenwohnungen in der sogenannten City-Residenz. Sie wirken gerade sehr aufgebracht.

Gudrun Friese-Kracht: Ein Platz im Seniorenheim für 2000 Euro im Monat! Wer hat denn 2000 Euro monatlich für Miete übrig? Welche älteren Menschen können das denn zahlen?! Wir werden mal später nicht so viel Rente haben, mein Mann und ich…

Sie können mich damit ruhig einschließen.

Gudrun Friese-Kracht: Es kann eigentlich nicht sein, dass Leute 40 Jahre arbeiten und dann nur 800 Euro Rente haben, aber es gibt solche Menschen – leider mehr als genug. Mir liegt das Soziale sehr am Herzen. Das erwarte ich auch von meiner Partei!

Tafel Unna (3)

Die Tafel (hier die Ausgabestelle in Königsborn) – ein ur-sozialdemokratisches Thema.

Ein ureigenes Thema für die sozialdemokratische Partei sollte doch, sollte man meinen, die Tafel Unna sein. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs war noch keine handfeste neue Raumoption für die zentrale Ausgabestelle gefunden, die ja zum 30. September das Gebäude der Ev. Kirchengemeinde in Königsborn räumen muss. Lässt die SPD die Tafel hängen?

Gudrun Friese-Kracht: Natürlich weiß ich nicht im Einzelnen, was in den letzten Jahren in Königsborn für die Tafel getan wurde. Mir ist aber bekannt, dass sich Sebastian Laaser jetzt kümmert. Natürlich müssen wir uns gerade als SPD um die Schwächeren kümmern. Ich stehe Einrichtungen wie der Tafel persönlich aber auch ein wenig skeptisch gegenüber. Man sollte den Menschen, finde ich, zeigen, dass man auch für wenig Geld gut und gesund kochen kann. Ja, ich dachte immer mal daran, einen Kochkurs für Hartz IV-Empfänger anzubieten…

Gudrun Friese-Kracht Koch Lounge

Leidenschaftliche Köchin: Die SPD-Ratsfrau mit Andrea Barzewski in der Koch-Lounge auf Hof Sümmermann in Frömern.

Kommt da jetzt die leidenschaftliche Köchin und VHS-Dozentin durch?

Gudrun Friese-Kracht: (lacht) Meine Leidenschaft ist Kochen. Über die Sparkasse wäre ein solcher Kurs eventuell finanzierbar. Schauen wir mal.

Schauen wir mal zu Ihnen nach Massen. Hier leben Sie mit Ihrer Familie, Ihr Mann Dr. Peter Kracht ist seit einem knappen Jahr Ortsvorsteher. Was sollte nach Ihrer Ansicht im Stadtteil zeitnah angepackt werden?

Gudrun Friese-Kracht: Ich finde, dass Massen einen Park braucht! Erholung, Entspannung, Spazierengehen… wir haben viele Hundebesitzer und keine einzige größere Grünfläche. Wir sollten aus dem früheren Freizeitbad-Gelände einen schönen Park machen!

Dieses Grundstück steht freilich unter der „Baulandoffensive“ im Haushaltssicherungskonzept des Kämmerers…

Gudrun Friese-Kracht: Dort Wohnbebauung? Nicht mit mir! Dafür haben wir das Bad platt gemacht? Wer soll bitte direkt in der Einflugschneise wohnen? Dann ziehen Leute dahin und beschweren sich anschließend über den Fluglärm. Dann müssen wir uns um Lärmschutz kümmern…

Sie meinen, man muss die Bürger ein Stück weit auch vor sich selbst schützen?

Gudrun Friese-Kracht: JA!!

Sprechen Sie sich ruhig aus – es wirkt so, als hätten Sie noch etwas auf der Zunge liegen.

Gudrun Friese-Kracht: Das ist das Einzige, was der Stadt Unna einfällt. Wohnbebauung. Wir pflastern alles zu!

Sie klingen gerade grüner als die Grünen. Liegt das an Ihrem fröhlichen grünen Pullover, den Sie heute tragen?

Gudrun Friese-Kracht: Nein (lacht), gute Ideen hat jede Partei. (Energisch:) Ich habe mich übrigens sehr geärgert, dass der Platz zwischen ZiB und Lindenbrauerei nicht in „Michael-Hoffmann-Platz“ umbenannt wird. Er kannte jeden! Und er war Kulturmensch. Durch und durch, mit jeder Faser.

Michael Hoffmann

Nach Ansicht Ihres Fraktionsvorsitzenden Volker König war Michael Hoffmann eher „Sportler und Schwimmer“…?

Gudrun Friese-Kracht: (entschieden) Ich sehe das anders. Und ich sage offen, was ich denke. Im Übrigen noch ein Wort zur Lindenbrauerei. Wer nichts zu verheimlichen hat, hat keine Probleme damit, seine Buchführung offen zu legen.

Eine sehr persönliche Frage zum Abschluss, Frau Friese-Kracht?

Gudrun Friese-Kracht: Ja. Kein Problem.

Sie waren, wie eingangs erwähnt, selbst schwer erkrankt. Können Sie auf diesem Hintergrund Michael Hoffmanns Beweggründe nachvollziehen, seine Krankheit derart konsequent mit sich selbst abzumachen und bis zum letzten Tag so weiterzumachen, als wäre alles in Ordnung?

Gudrun Friese-Kracht: (Jetzt sehr nachdenklich) Ich habe großen Respekt vor Michaels Entschluss. Über eine so zutiefst persönliche Entscheidung darf niemand urteilen. Für mich selbst wäre ein so einsames „weiter so“ unvorstellbar. Ich würde noch heute mit der Parteiarbeit aufhören. Um jede Minute, die mir noch bleibt, mit meiner Familie zu verbringen.

Gudrun Friese-Kracht Peter Kracht

„Es gibt so unendlich Wichtigeres als Politik: die Gesundheit – und die Familie. Für mich steht die Familie ganz oben.“ Gudrun Friese-Kracht mit ihrem Mann Dr. Peter Kracht. Das Paar hat zwei erwachsene Töchter.


Die Druckfassung des Interviews finden Sie in der Mai-Ausgabe unseres Monatsmagazins Rundblick Unna, das stadtweit in Unna sowie in Kamen, Bergkamen, Fröndenberg und Holzwickede kostenlos zum Mitnehmen ausliegt; in Geschäften, Lokalen und an öffentlichen Stellen.

 

Kommentare (5)

  • Maggie Strathoff

    |

    tolles Interview.

    Antworten

  • J.Müller

    |

    Herr König scheint ja Herrn Hoffmann nicht gut gekannt zu haben, wenn er ihn als Sportler und Schwimmer sah.
    Für mich war er ein fairer POLITIKER und bester Frsktionsvorsitzender, den die SPD jemals hatte.

    Antworten

  • Manfred Hartmann

    |

    Die Aussage: „Wir haben sieben Fraktionen im Rat. Sechs sind gegen uns. Da müssen wir uns nicht noch gegenseitig zerfleischen.“ möchte ich kommentieren: Wenn es sich um vernünftige Entscheidungen handelt, stimmen z. B. die Grünen gern mit der SPD unds ind nicht ausPrinzip gegen sie. Frau Friese-Kracht spricht es ja selbst an: Wir müssen nicht alles zupflastern. Die Grünen in Unna lehnen die unangehemte Ausdehnung der Bodenversiegelung ab. Wenn die SPD das auch so will: Grün ist dabei!

    Antworten

  • Helmut Schön

    |

    Warum sind denn alle gegen die SPD ??? Vielleicht kommt es daher, weil für die SPD nicht gute Vorschläge für die Unnaer Bürger zählen, sondern alleine die GroKo mit der CDU. So lässt es sich auch gut regieren, keine eigenen Vorschläge und immer auf die Kleinen.

    Antworten

  • ingo wienecke

    |

    Liebe Gudrun, ein sehr interessantes und offenes Interview. Ich wünsche dir alles Gute. Werde wieder gesund. Ich drücke dir ganz fest die Daumen.

    Antworten

Kommentieren