Rundblick-Unna » Wie festgenagelt von furioser tänzerischer Kraft: Narrenschiff fesselt zwei Stunden mit zwei Tanztheatern in einem

Wie festgenagelt von furioser tänzerischer Kraft: Narrenschiff fesselt zwei Stunden mit zwei Tanztheatern in einem

Spacig, bedrohlich, finster, sphärisch, mystisch. Atemlos zugleich und einpeitschend, brachial, knallhart, hammerhart. Krass. Maximale Intensität auf der Bühne des Theaters Narrenschiff, wo sich am Wochenende zwei denkwürdigen Premieren zu einer einzigen verquickten: „In between dreams“ und „Le sacre du printemps“ – Igor Strawinskys brachial-martialisches „Frühlingsopfer“ in voller Länge.

Die Aufführung beginnt mit einem schweren Traum. Finsternis von fahlen, blassen Lichtkegeln durchbrochen paart sich mit düsterer, bedrohlich an- und abschwellender Musik. Ein schwer Träumender kauert an der Bühnenwand. Seltsamste Gestalten schweben durch Nebelschwaden auf ihn zu, wieder weg. Hochhackige junge Frauen in Bleistiftröcken, adretten Rüschenblusen, mit Hasenköpfen auf den Schulter. Männer dazu mit Schweineköpfen, alle Anzugträger sind sie, Krawattenträger, Aktentaschenträger. Diese Schweinsköpfe sind Wiedergänger bei Narrenschiff-Inszenierungen. Treuen Besuchern begegnen die rosaroten Rüsselmasken über Jahre hinweg treulich immer wieder. Das Ensemble hat sie auch in Ratten- oder eben in Hasenversionen vorrätig.

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Die Schweinemasken können bedeuten, wenn man das so will, dass Männer (in Anzügen, mit Schlips und Aktentaschen) eben Schweine sind, wobei Schweine an sich  ja nette und possierliche Geschöpfe sind. Die Deutung bleibt frei bei André Deckers Inszenierungen, und das gilt erst recht für seine Tanztheater. Gleich zwei Tanztheater in derselben Vorstellung feierten am Wochenende umjubelte Premiere – „umtost“ wäre passender, denn die Besucher am heillos überausvekauften Samstag flippten regelrecht aus, schrien stampfend und voller Ekstase applaudierend ihre Begeisterung heraus.

Trotz alles überschattender Festa Italiana direkt vor der Haustür eine nicht nur ausverkaufte, sondern übervolle Premiere: Alle Achtung! Für das 14köpfige Tanztheaterensemble selbst fiel das grandiose Lichterfest aufgrund des Intensivstprobenmarathons komplett aus,  dafür ist das Ensemble mit diesem Doppelpack-Tanztheater diesmal aber auch komplett über sich selbst hinausgewachsen. Atemverschlagend.

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Die erste Hälfte des Abends füllen träumerische Wahnvorstellungen aus, mystisch, verzerrt, unwirklich faszinierend. „In between dreams“ ist eine dieser Inszenierungen, die den Zuschauer von der ersten Minute an auf seinem Sitz festnageln. Deckers Sorge, das Stück sei möglicherweise „zu ruhig“, erweist sich als beruhigend unbegründet. Die Ruhe dieses tänzerischen Spiels zwischen Träumen und Wachen ist trügerisch, fragil. Denn der Träumende, der wechselseitig links oder rechts am Bühnenrand kauert, pendelt irrlichternd zwischen Träumen und Wachen, wehrt mal seine eigenen Traumgestalten angstvoll ab, dann wieder umschlingt er sie in inniger Liebe.

Gesprochen wird (bis auf die Schlusssequenz und den Beginn – eine herzzerreißende Liebes-Abschiedsszene) kein einziges Wort. Allein die magnetische Kraft des tänzerischen Ausdrucks und die stimmige Musik dazu, wahllos wechselnd zwischen Independent und Psychodelic, Klassik und Rock. Die vielfach noch sehr jungen Darsteller schaffen es, eine volle Stunde ausschließlich durch Tanz, Mimik und Gestik diesen bedrohlichen, finster zweifelhaften Spannungsbogen zu halten.

Man muss als Zuschauer zwischendurch aufpassen, dass man nicht das Atmen vergisst. Dieser erstickend dichte Rausch zwischen Träumen und scheinbarer Wachheit wirkt wie ein Sog, wie Hypnose. Träume wie diese ereilen einen, wenn man zu spät zu schwer gegessen oder (und zusätzlich) schlechte Drogen genommen hat. Es sind Träume, aus denen man gerne durch einen schrillen Wecker herausgerissen wird.

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Großartig die Leistung die jungen Tänzer – viele entstammen aus dem Nachwuchsensemble „bloßgestellt“ und meistern hier das reinste Hochleistungsworkout. Als Traumpaar erweisen sich einmal mehr der geschmeidig-muskulöse Daniel Schymik und die zierliche, katzenhafte Judith Binias, beide auch in Hauptparts im zweiten Tanztheater des Abends zu sehen, Strawinskys „Frühlingsopfer“.

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Binias und Schymik verschmelzen im Tanz zu einem Körper. Immer, wenn sie zusammen tanzen, ziehen sie sich irgendwann gegenseitig aus, auch diesmal wieder; doch „In between dreams“ spart ohnehin nicht mit nackter Haut: Da schweben plötzlich umgedrehte  schwarze Regenschirme? kreiselnd umeinander auf die Bühne, wie stilisierte Riesenpilze sehen sie aus, tintenschwarz – zwei Tänzer sind es und eine Tänzerin in schwarzen Rüschen-Reifröcken, die Oberkörper nackt, auch der der Tänzerin. Alle drei tragen außer ihren Reifröcken nur schwarz-rote Augenbinden. Kreiseln, umeinander schweben, sich kunstvoll ineinander verknoten.

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Zwischendurch unterbrechen rüde ein paar Schweine im Anzug den selbstvergessenen Ballett-Tanz, drücken die Tänzer unsanft an die Wand und ziehen ihnen die Reifröcke aus. Um dann selbst darin herumzustolzieren, was enorm albern wirkt und doch die ganze Zeit diese unterschwellige Bedrohung weitertransportiert. Aus diesem Traum erwacht man liebend gern wieder, möglichst schnell.

Als Nächstes dann strecken die Traumgestalten beängstigend stumm ihre Hände nach dem Halbwach-Träumenden aus, greifen nach ihm, ohne ihn zu fassen zu kriegen. Dann wiederum schweben alle in Wasser, die Musik dazu singt, gluckst, gluckert…Zum Schluss zieht sich der Träumende selbst eine Schweinsmaske über den Kopf und reckt ihn hoch ins fahle Scheinwerferlicht. Die Musik erstirbt. Ene Teil I.

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Teil II nach der Pause sprengt endgültig die Grenzen und Erwartungen an ein Amateur (!)-Theater. Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps”, „Das Frühlingsopfer“, in voller Länge – professionell getanzt ohne Profi-Allüren von Laiendarstellern,  die hier allesamt über sich selbst hinauswachsen.

Strawinskis wuchtiges musikalische Meisterwerk löste bei seiner Uraufführung einen Skandal aus. Es ist ein archaischer Tanz von nackter, roher Gewalt, Darstellung eines Opferrituals, und nackt, fast nackt, sind konsequenteweise alle 14 Darsteller: sieben Frauen, sieben Männer. „La Sacre“ ist peitschend, atemlos, brachial, gewaltig, gewalt“tätig“. Die Zuschauer starren, lauschen – saugen ein, wie gefessel von dem, was da vorn passiert.

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Wer ganz vorn sitzt, sollte im Übrigen nicht gerade schwarze Kleidung für seinen Theaterbesuch wählen. Soviel nur kurz zum furiosen Finale des „Frühlingsopfers“, das Judith Binias in der Hauptrolle der zum Opfer Erwählten nicht überlebt. Oder doch…?

Die Gedanken sind frei. Die Freiheit der Kunst und des tänzerischen Ausdrucks hat André Decker und hat das das Narrenschiff diesmal bis zum Eskzess getrieben.

Atemverschlagend.

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Konzept, Inszenierung und Choreografie: André Decker, entwickelt und dargestellt vom tn-Ensemble und Mitgliedern des bloßgestellt-Ensembles.

Aufführungen: Premiere am Sa., 6. 6. (ausverkauft), /7./12./13. Juni & 3./4. Juli jeweils um 19.30 Uhr

Karten: Abendkasse 13 Euro, VVK 10 Euro ( zib, Lindenplatz 1 , Unna),  telefonische Kartenreservierung zum Abendkassenpreis: 0 23 03 – 77 05 05 oder per Mail.

E-mail: mail@theater-narrenschiff.de

www.theater-narrenschiff.de

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