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Under the Greenwood Tree indoor – oder Shakespeare im Park ohne Park: Man glaubt, man steht im Wald

Ein Open Air indoor aufführen und Begeisterungsstürme ernten. Geht das? Und ob. Und wie!

Spielerisch Momente aus vier großen Shakespeare-Komödien verknüpft, auf dem Westfriedhof unter freiem Abendhimmel – das war Shakespeare für Genießer. Mit seiner erneuten Premiere bewies das Narrenschiff am Sonntagabend im fast ausverkauften Theatersaal: „Under the Greenwood Tree“ funktioniert auch Indoor – als winterliche Bühnenfassung im kuschelig-warmen Theatersaal, mit erweiterten Szenen und zum Teil anderer Besetzung.

Dieses herrlich romantische, wortwitzige Reimwerk vermag auch jenseits seiner prachtvollen Westfriedhof-Kulisse zu verzaubern und mitzureißen. Man braucht als Zuschauer nur ein wenig Fantasie und als Ensemblemitglied jede Menge Spiellust und Expermentierfreude. Die tn-Riege hat beides im Überfluss, muss man nicht drüber reden.

narrenschiff greenwood tree

André Decker spielt selbst mit, gibt herrlich schräg den liebeskranken Orlando aus „Wie es euch gefällt“ und unterstreicht mit dieser mutigen Inszenierung einmal mehr seine Ausnahmeklasse. Ein gefeiertes Sommer-Open-Air in fulminanter Westfriedhof-Kulisse rüberzuswitchen in einen nussschalengroßen Theatersaal – so mutig muss man erst mal sein. Stehende Beifallsstürme nach höchst vergnüglichen eineinhalb Stunden, die wie im Flug vergehen: Experiment gelungen. Wieder mal.

narrenschiff greenwood tree

„Under the Greenwood Tree “ indoor: Wie bei der Freiluftversion werden Szenen aus Shakespeares vier großen Komödien zu einer herrlich romantischen, witzigen und auch mal saftig-deftigen Collage verwoben, die komplett auf Reimfüßen daherkommt. „Was ihr wollt“, „Viel Lärm um nichts“, „Wie es euch gefällt“ und „Ein Sommernachtstraum“ begegnen dem Besucher wieder. Ja, der Sommernachtstraum… jenes opulente Epos, bei dessen vollständiger Aufführung vor drei Jahren bis zu 22 (!) Darsteller gleichzeitig über die Narrenschiffbühne tobten.

Auch in Greenwood-Indoor sind es am Ende 16 gleichzeitig. Judith Binias in ihrer Paraderolle als listiger Waldgeist Puck wird frenetisch bejubelt wie schon 2011 beim „Sommernachtstraum“. Über André Decker als schmachtender Orlando mit „fliegender Liebeshitze“ kann man Tränen lachen, die übrigen Darsteller simd ebenfalls prächtig aufgelegt, und statt Live-Blätterrauschen tönt das süße Vogelgezwitscher eben aus den Lautsprechern. Viel gesungen wird zwischendurch, gemeinsam zur Gitarre wird liebesgeschmachtet wie damals im Park unterm sommerlichen Unna-Abendhimmel. Hach, ja…!

Im Stil eines Kammerspiels beschränkt sich Decker bei Greenwood Indoor auf ein einziges Kulissenbild. Zum Eingangsprolog „Auf hoher See“ versammeln sich zunächst alle Darsteller vor und zwischen einem weißen, zweigeteilten Bühnenvorhang; der fällt, und man glaubt, man steht im Wald.

Man braucht nur eben diesen Spritzer Fantasie, um sich die schlichten schwarzen Vierkantsäulen als mächtige uralte Westfriedhofbäume vorzustellen und die bekritzelten Zettel, die daran kleben, als in die Rinde geritzte Liebesschwüre. Purismus pur beim Bühnenbild lässt den Gedanken freien Lauf. Sehr viel geschickter, als krampfhaft Bäume mit Papierblättern nachzubilden und dazu Moos auf den Bühnenboden zu kippen. Das würde nur Vergleiche zur Open Air-Fassung heraufbeschwören, und das täte diesem wunderbaren Winter-Sommerstück absolut Unrecht.

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Zum Schießen komisch sind die atemlosen Wortgefechte zwischen Kathrin Bolle und Marco Janiel als Beatrice und Sir Benedikt („Viel Lärm um nichts“). Sie: „Gott gibt mir keinen Mann! Eine Gnade, für die ich ihm jeden Tag danke! Ist es nicht eine Beleidigung für eine Frau, sich von einem Stück Dreck beherrschen zu lassen?“- Er: „Was für Schwachköpfe doch einige Leute werden, wenn sie sich verliebt haben! – Gut, ich nehme dich“ (zu Beatrice), „aber nur aus Mitleid!“ Sie: „Du bist ein Idealzustand aus Fehlern; keine gute Eigenschaft stört die Harmonie!“

So heftig sie sich bekriegen, so sicher kriegen sie sich am Ende, wie jeder jeden kriegt nach irrlichterndem Schmachten und Sehnsuchtsseufzen durchgehend in Reimform. Gereimt sind auch die Wutausbrüche und Schimpftiraden, und auch vor Handgreiflichkeiten schrecken liebestolle Kontrahenten nicht zurück: „Weg! Brechmittel, Eiterpickel! Ich hasse dich!!“, brüllt Lysander (Johannes Schmidt) im Sommernachtstraum die komplett verwirrte Hermia an (Carla Miller) – die zetert: „Was soll das werden?! Machts du jetzt Schluss mit mir in Reimform??“ Es setzt sogar Dresche zwischen Lysander und Demetrius (Richard Pothmann)… ungestümes Tohuwabohu auf der Bühne, bis Waldgeist Puck (Judith Binias) schleunigst das Liebeselexier auf die richtigen Stellen tropft und die verirrten Gefühle wieder dorthin beordert, wo sie hingehören.

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Ein herrlicher Spaß, reinkuscheln und genießen. Aufführungen: Freitag, 19. 12., 19.30 Uhr, und Sonntag, 21. 12., 18 Uhr. Anderthalb Stunden ohne Pause.

Inszenierung: André Decker . Bearbeitung: André Decker . Lilja Kopka . Musikalische Leitung: Thorsten Kellner

Mit: Judith Binias . Kathrin Bolle . Tanja Brügger . André Decker . Nils Jacobi . Marco Janiel . Thorsten Kellner . Lilja Kopka . Marina Lünemann . Carla Miller . Richard Pothmann . Johannes Schmidt . Edith Schneider . Kim Schütt . Marc Selzer . Sofia Velhinho

 

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