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„Soziokultur bedeutet nicht: Freibier für alle!“: Interview mit Gerhard Meyer (CDU)

Von Lindenbrauerei bis Bürgermeister-Kandidatur: Ein offenes Gespräch mit Gerhard Meyer, dem Stadtverbandsvorsitzenden der CDU Unna.

 

Herr Meyer, wann waren Sie zum letzten Mal in der Lindenbrauerei?

Gerhard Meyer: (überlegt kurz) Letztes Jahr im Sommer – bei der Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl.

Ich meinte eigentlich privat. Sie wissen, weshalb ich Sie das frage?

Gerhard Meyer: Natürlich. Die Finanzierungsprobleme der Lindenbrauerei halten uns ja seit Monaten in Atem. Ich bin in dieser Sache privat nicht viel unterwegs… ich bin gern auch zu Hause, lade gern Freunde ein. Das ist aber keine Abwertung der heimischen Gastronomie!

Und wann haben Sie zum letzten Mal eine Summertime-Veranstaltung besucht?

Gerhard Meyer: Die Summertime beinhaltet ja auch das Mittsommernachtsfest in Königsborn. Dorthin bin ich sehr viele Jahre gegangen, ich habe lange in Königsborn gewohnt. Was mir früher besonders gefiel: Die ganzen Buden, die es gab, wurden fast nur von Ehrenamtlichen betrieben. Es war ein richtiges Bürgerfest. Inzwischen ist es ein Stückweit kommerzialisiert. Trotzdem: immer noch ein schönes Fest.

Dennoch will die CDU die Summertime-Reihe kappen, um Geld – das ja dringend nötig ist – für die Lindenbrauerei flüssig zu machen?

Gerhard Meyer: Unser Vorschlag – wir haben übrigens als einzige von allen Fraktionen einen Vorschlag zur Lindenbrauerei gemacht – ist: einwecken. Man hat hier ein Kulturgut, das will man nicht verlieren. Wir müssen aber irgendwo mal anfangen. Und dann sollten wir nicht klein-klein hier etwas absäbeln und dort, sondern gleich einen dicken Brocken. Summertime brächte uns jährlich 25 000 Euro. Damit könnten wir der Lindenbrauerei schon helfen.

Wohin soll die Reise überhaupt gehen mit Unnas Kultur? Was hat die CDU vor?

Gerhard Meyer: Wir müssen ein Stück weit kleiner werden.

Das erinnert mich gerade lebhaft an die Superintendentin des Kirchenkreises, Annette Muhr-Nelson: Sie gab für die evangelischen Gemeinden vor einigen Jahren die Spar-Devise aus: „Fröhlich kleiner werden“. So gut kam das nicht wirklich bei allen Mitarbeitern an…

Gerhard Meyer: Na, ob ich dabei fröhlich bleibe…! Wir leisten uns in Unna aber seit Jahrzehnten Kultur für Partikularinteressen. Kultur ist ein wichtiger Standortfaktor. Aber wenn in Veranstaltungen der Lindenbrauerei nur eine Handvoll Leute sitzen – meine Frau hat selbst schon solche Vorstellungen besucht – müssen wir uns schon mal fragen, ob sich eine Stadt in der Haushaltssicherung diesen Luxus noch leisten darf!

Darauf würde ihnen die Kulturzentrums-Chefin jetzt sofort ein Stichwort entgegenwerfen: Soziokultur!

Gerhard Meyer: Sozio-kulturelles Zentrum, ja. Aber was bedeutet das eigentlich? Es soll allen Menschen, auch geringen Einkommen, Teilhabe an der Kultur ermöglichen. Die Durchschnittsbesucher der Lindenbrauerei – mit Verlaub – sind nicht wirklich bedürftig! Das sind Menschen wie Sie und ich. Frau Ranft verwechselt Soziokultur mit Freibier für alle.

Ihre Konsequenz daraus?

Gerhard Meyer: Klare Zielvorgaben machen; Änderungen nicht nur fordern, sondern einfordern. Wir wollen bis zum Sommer eine Kostenstellenrechnung. Aus der klar hervorgeht: Was kostet welche Veranstaltung, was bringt sie? Was nichts bringt: weg damit! Wir werben dafür beim politischen Mitbewerber.

Sprich bei der SPD, die Ihnen ja momentan aus der Hand frisst.

Gerhard Meyer: (schmunzelt) Ich bin momentan nicht unzufrieden.

Fallen Ihnen die knallharten Forderungen nicht etwas spät ein? Am 17. Februar hat die CDU im Kulturausschuss einer erneuten Sonderzahlung von 70 000 € für die Lindenbrauerei zugestimmt. Ihr Wahlversprechen lautete: Maximal 30 000 €. Müssen sich Ihre Wähler jetzt nicht verschaukelt fühlen?

Gerhard Meyer: Über diesen Zuschuss gab es sehr heftige Diskussionen. Manche aus der Partei wollten der Lindenbrauerei kurzerhand den Geldhahn zudrehen. Wenn man stur am Programm bleibt, hätte das bedeutet: geordnete Insolvenz – Schlüssel abziehen, der Letzte macht das Licht aus. Es bleibt ein riesiger leerer Baukörper, der aber weiter Kosten frisst. Die Mitarbeiter arbeitslos, der Markt für Künstler auf Jahre verbrannt.

Keine Option also.

Gerhard Meyer: Letztlich nein. Wir mussten hier Rücksicht auf Unna und die Bürger nehmen. Deswegen aber auch unsere Bedingung: Das Geld für die Rettung der Lindenbrauerei muss aus dem Kulturetat umgeschichtet werden.

… aus demselben Etat, aus dem auch das Hellweg-Museum in der Alten Burg finanziert wird, richtig. Seit einem Dreivierteljahr sind zwei Fenster kaputt. Der Stadt fehlen die 4000 €, die neue kosten.

Gerhard Meyer: (nickt) Ich weiß. Sehen Sie, es gibt Intensivpatienten, und es gibt Mittelkranke. Wem muss zuerst geholfen werden? Wir können nicht einen Schwerkranken einfach auf die Straße werfen. Auf einer Intensivstation gelten aber eben auch klare Regeln.

Gehard Meyer CDU

Herr Meyer, finden Sie es nicht eigentlich eine Zumutung für Ihre Wähler, dass sie am 27. September entweder nur den SPD-Bürgermeister mitwählen oder direkt zu Hause bleiben können?

Gerhard Meyer: … Moment, an dieser Frage wird ja noch gearbeitet. Am 24. April um 19 Uhr machen wir eine Parteiversammlung im Katharinenhof und entscheiden, ob wir einen Bürgermeisterkandidaten aufstellen. Und wenn ja, wen. Derzeit läuft die Diskussion in den Ortsunionen.

Als Parteivorsitzender haben Sie das Ohr an der Basis. Wie ist denn die Stimmung unter ihren 270 Mitgliedern?

Gerhard Meyer: Gefühlt geht es eher zum Nein. Das ist mein persönlicher momentaner Eindruck. Das Stimmungsbild ist heterogen. Aber es gibt Vorbehalte, klar. Da ist die Kostenfrage. Da ist die Sorge, einen guten Kandidaten in so einer praktisch aussichtslosen Mission zu „verbrennen“ – und er oder sie wäre dann auch für die nächste Kommunalwahl verloren. Viele fürchten auch, dass ein schlechtes Abschneiden die Partei insgesamt beschädigen würde.

Ein „Ja – wir wollen“ eröffnet Ihnen zwei Optionen: Entweder ein Kandidat aus den eigenen Reihen oder ein Externer. Auch darüber entscheiden die Mitglieder am 24. April. Können Sie für beide Varianten Pläne bzw. Kandidaten aus dem Ärmel ziehen?

Gerhard Meyer: Ich wäre als Parteivorsitzender schlecht beraten, wenn ich das nicht könnte. Ein bis zwei Leute aus der eigenen Partei könnten sich das vorstellen. Ein Er oder Sie.

Namen nennen Sie mir jetzt sowieso nicht, ich nenne Ihnen mal einen: Carsten Morgenthal, Pressesprecher und Justiziar des Schwerter Bürgermeisters. Er sagt selbst dazu bisher lächelnd weder Ja noch Nein.

Gerhard Meyer (schmunzelt) Dann lächele ich auch einfach mal und sage weder Ja noch Nein.

Ihre zweite Option – jemanden von außerhalb finden: Wird es dafür Ende April nicht schon viel zu spät sein?

Gerhard Meyer: Nein, ich habe in dieser Frage bereits Kontakt mit der KPV aufgenommen – der Kommunalpolitischen Vereinigung unserer Landes-CDU. Diese verfügt über ein gutes Netzwerk und kann geeignete Kandidaten vorschlagen.

Gerhard Meyer CDU

Ihre KPV kann einen Bürgermeisterkandidaten für die CDU Unna einfach aus dem Karteikasten ziehen?

Gerhard Meyer: „Einfach“ ganz sicher nicht. Die KPV kennt mögliche qualifizierter Bewerber für dieses anspruchsvolle Amt. Sie hat mir aber schon klar gesagt: Die Rahmenbedingungen sind in Unna nicht verlockend.

Weil gegen Kolter sowieso niemand eine Chance hat?

Gerhard Meyer: Sehen Sie nach Bönen. Dort bietet die CDU gemeinsam mit Grünen, FDP und Bürgergemeinschaft einen parteilosen Kämmerer gegen einen SPD-Mann auf, den man in Bönen zwar kennt, der jedoch ebenfalls neu Amt kandidiert. Hier in Unna wäre die CDU alleine. Alle anderen Fraktionen stützen Kolter. Nach zwei Amtsperioden hat er immer noch Lust, zu gestalten. Zudem ist Unna traditionell eher eine linke Stadt. Als Volker Weidner CDU-Bürgermeister wurde, war das eine Protestwahl gegen die SPD, die damals durch ganz Deutschland schwappte.

Meine Abschlussfrage an Sie – Herr Meyer, warum sollte irgendjemand unter 60 Jahren die CDU in Unna momentan gut finden? Nennen Sie mir einen Grund.

Gerhard Meyer: Weil wir darauf achten, dass die Stadt keine Riesenschulden macht und Altlasten hinterlässt. Das ist von entscheidender Bedeutung für die jüngere Generation.

Aber findet sich Ihre Klientel nicht eher geballt im Fässchen? Braucht Unna keinen Jugendtreff?

Gerhard Meyer: Eine starre bauliche Einrichtung: nein. Jugendliche sind schnell begeisterungsfähig, aber projektorientiert. Wenn das Projekt abgeschlossen ist, erlischt das Interesse. Wir brauchen offenere, flexiblere Angebote für Jugendliche. Und – wir brauchen die Rückkopplung von den Jugendlichen. Sonst funktioniert es sowieso nicht.

Wie beim Skaterpark?

Gerhard Meyer: Um die Skateranlage haben Jugendliche Margarethe Strathoff gebeten, die darauf mit der Klingelbüchse durch Unna gezogen ist. Den Hauptteil hat aber die Stadt bezahlt. Und die CDU hat den Bau einstimmig mitgetragen.

Und wenn morgen zwei Jugendliche vor Ihrer Tür stehen und Sie, sagen wir mal, um einen Bolzplatz bitten?

Gerhard Meyer (lacht auf) Genau das ist vor einigen Jahren passiert. Das Ergebnis war der Bolzplatz auf dem ehemaligen Kasernengelände.

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Die gedruckte Fassung (etwas verkürzt) dieses Interviews finden Sie in unserem Monatsmagazin „Rundblick Unna“, das kostenlos in Unna, Kamen, Holzwickede, Bergkamen und Fröndenberg ausliegt.

Kommentare (7)

  • Margarethe Stathoff

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    Guten morgen, dass Interview gefällt mir. Ich Danke der CDU und den weiteren Parteien, insbesondere auch der FDP an diesem Punkte, die mich damals im Jugendhilfe-Ausschuss hinsichtlich des Skaterparkes unterstützten. Aber ich sehe es etwas anderes als Herr Meyer. Wir brauchen schon Räumlichkeiten, wo wir unseren Kindern/Jugendlichen eine Anlaufstelle bieten. Natürlich ändern sich Interessen, Neigungen aber ein Dach braucht es schon 😉 ..auch konnte ich heute morgen im HA lesen, dass unsere Kinderzahlen konstant bleiben und Unna sogar wächst. Von daher meine Bitte an die amtierenden Ratsmitglieden aller Fraktionen : Bitte unterstützt das Kinderbecken im BB’chen und unterstützt dieses. Es ist ziemlich anstrengend immer mit einer „Klingelbüchse“durch Unna zu laufen.. 30.000,00 wäre ein Zeichen für die Kleinstem in dieser Stadt. .in diesem Sinne einen schönen Dienstag

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  • Rolf Stöckelc

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    Alles Gut, wenn die CDU in Unna die Soziokultur besonders für sozial Benachteiligte, Kinder und Jugendliche unterstützt. Aber das Frau Ranft Freibier verteilen will, bleibt eine nicht belegte Übrrtreibung, wenn nicht Diffamierung von Herrn Meyer.

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  • Andreas

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    der „Rolfe“ gibt aber wieder alles :-)

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  • Jan Schmidt

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    Woher nimmt er die Erkenntnis, dass dort Freibier verschenkt wird ? wo er nach eigener Aussage im letzten Jahr nur einmal dort war. Ein Besuch pro Jahr – so sieht dann die Unterstützung der CDU für die Linde in Unna aus ?!?

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    • Thomas Mock

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      Es ist schon mehr als naiv, wenn Herr Meyer sich seine Meinung durch polarisierende Stimmungsmache einiger weniger Unverbesserlicher bildet und die seit 25 Jahren unbestrittenen Leistungen des von EHRENAMTLICHEN geführten Vereins Lindenbrauerei e.V. auf die unterstellte Definition:
      „Soziokultur = Freibier für Alle“ reduziert.
      Lieber Herr Meyer, Sie sind herzlich eingeladen, Ihren kulturellen Horizont aus den eigenen vier Wänden wenigstens mehr als 1mal pro Jahr im Kulturzentrum Lindenbrauerei zu erweitern. Für Ihre künftige seriöse Glaubwürdigkeit empfehle ich Ihnen den Satz des Sokrates zu beherzigen:
      „Bevor Du eine Aussage triffst, lasse sie durch 3 Siebe rinnen:
      1. Warst Du dabei ? (=ist die Aussage durch Wahrheit begründet?)
      2. Muss die Aussage jetzt getroffen werden ? (=Passt sie zu zum Thema?)
      3. Ist die Aussage gut ? (=hat sie eine positive Wirkung?)

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  • Manfred Hartmann

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    Das Kulturverständnis von Herrn Meyer (CDU) jagt mir einen Schrecken ein. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass hochrangige Kommunalpolitiker offensichtlich nie etwas vom Kulturauftrag der Kommunen und von Daseinsvorsorge gehört haben. Was nicht in ihr neoliberales Wirtschaftskonzept passt, wird ausgeblendet.

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  • Ein Bürgermeisterkandidat, Mann oder Frau – nur für die CDU: Parteichef Meyer zur Wahl 2020 und zu Parteiaustritten | Rundblick Unna

    |

    […] Ein Interview vom Februar 2015 mit Gerhard Meyer finden Sie HIER in unserem Archiv. […]

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