Rundblick-Unna » Selbstekel, Selbsthass, Lebenslügen: Das Narrenschiff mit der „Katze auf dem heißen Blechdach“

Selbstekel, Selbsthass, Lebenslügen: Das Narrenschiff mit der „Katze auf dem heißen Blechdach“

Eine plätschernde Dusche im Nebenraum und eine Frau, die sich auszieht, lasziv die Seidenstrümpfe herunterrollt und sich mit lüsternden Spiegelblicken über ihren perfekt geformten Körper streichelt, während ihr Ehemann, der frisch geduscht auf Krücken ins Schlafzimmer gehumpelt kommt, einzig Blicke für „eine andere“ hat: für seine Schnapsflasche. Bleiern legt sich die Qual dieses ausweglosen Aneinandergekettetseins  von der ersten Minute an über Bühne und Zuschauerraum.

tn Katze auf dem heißen Blechdach

Maggie, die verzweifelt an eine Rückkehr der früheren Liebe und Leidenschaft ihres Ehemanns glaubt, redet im Eingangsmonolog zehn Minuten ohne Punkt und Komma und vornehmlich von sich selbst. Brick stiert derweil mit leerem Blick in sein Whiskyglas und sagt einsilbig Dinge, die wehtun, die knallhart sind. Sofern er Maggie überhaupt antwortet.

tn Katze auf dem heißen Blechdach

„Ich bin einsam. Sehr einsam!“, fleht sie ihn an. Er, gleichgültig: „Das geht jedem so.“ Sie, verzweifelnder: „Wenn man mit jemandem zusammen lebt, den man liebt, kann man noch einsamer sein – als wenn man ganz alleine lebt!“

Wie „eine Katze auf dem heißen Blechdach“ fühlt sich die schöne Margareth. Brick daraufhin, wütend, laut: „Dann spring doch! Spring! Nimm dir einen Liebhaber!“ Und lass mich in Ruhe… schwingt mit, 30 Sekunden herrscht  Totenstille. Der Frust dieser Ehe liegt wie Mehltau über die Bühne, noch bevor Brick seiner Frau hasserfüllt ins Gesicht schleudert: „Wie zum Teufel stellst du dir das vor – ein Kind von einem Mann zu bekommen, der dich nicht ausstehen kann!!“

tn Katze auf dem heißen Blechdach

Tennessee Williams´ „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ ist nach „Endstation Sehnsucht“ die zweite Inszenierung des bedeutenden US-Dramatikers, an der sich das Theater Narrenschiff versucht. Das zweiaktige Schauspiel mit seiner zum Ersticken dichten Atmosphäre hat große Hollywoodvorbilder. André Decker spielt in der Hauptrolle des im Selbstekel versinkenden Säufers Brick gegen Paul Newman an, Kathrin Bolle gerät als Margaret in Konkurrenz zu Liz Taylor. Beide meistern ihre enorm schwierige Aufgabe mit quälender Perfektion, so dass ihnen die Zuschauer zweieinviertel Stunden wie festgenagelt an den Lippen hängen.

tn Katze auf dem heißen Blechdach

Das gilt ebenso für das übrige Ensemble. Großartig Marco Janiel als Big Daddy,  unduldsamer Patriarch von Familie und Plantage – unheilbar krank ist er, was jeder in der Familie weiß außer ihm selbst und seiner Frau (eine wunderbare Big Mama: Dorit Remmert). Um Lebenslügen, Selbsthass, Selbstekel dreht sich dieses Schauspiel, in das Tennessee Williams autobiografische Erlebnisse einfließen ließ. So jenes, eine Liebe bis zur Selbstaufgabe zu verleugnen, weil sie gegen die puritanischen Regeln der US-Südstaatengesellschaft in den 50er Jahren verstieß.

tn Kathe auf dem heißen Blechdach

Jedes der zehn Ensemblemitglieder findet sich auf seine Weise in die Rolle ein. Füllt sie aus, lebt sie.

Edith Schneider als Margareths verhasste Schwägerin Mae, „die Zuchtkuh“, spottet Big Daddy, mit schon fünf Kindern, das sechste ist unterwegs. Sarah Hannuschka und Natalie Smykala als Maes nervtötende Gören Dixie und Trixie, „halslose Monster“, denen man als Zuschauer zwischendurch mal gern höchstselbst die Monsterhälse umdrehen möchte. Maes spießigen Ehemann Gooper spielt Johnannes Schmidt, er ist als Bricks älterer Bruder intensiv auf Big Daddys Plantanen-Erbe aus. Marc Selzer gibt einen authentisch verklemmten Reverend Tooker, Nils Jacobi bzw. Richard Pothmann einen seelenlosen, gleichgültigen Doktor Baugh.

In dieser illustren Gesellschaft gerät Big Daddys 65. Geburtstag zur vollständigen Farce. „Herzlichen Glückwunsch, Big Daddy!“ – „Ach, Scheißdreck!“ Jeder weiß, es wird sein letzter Geburtstag sein, nur er selbst nicht und seine Big Mama. Diese kann er im Übrigen ebenso wenig ausstehen wie Brick seine Margaret, und mit brutalem Genuss spuckt er ihr seine Fantasien über andere Frauen ins Gesicht: „Ich nehme mir nur die Besten der Besten: ziehe sie nackt aus! Überschütte sie mit Nerzen! Ersticke sie in Diamanten! Und bumse sie durch die Hölle bis zum Frühstück!!“

tn Katze auf dem heißen Blechdach

Es wird herumgeschrien, geschluchzt, gebrüllt in diesem Stück. Krücken fliegen, Körper krachen schwer auf den Bühnenboden. Ein intensiv beklemmendes Stück, schwere Kost. Beklemmend bravourös umgesetzt: Man kann – wieder einmal – gar nicht so lange Beifall klatschen, wie man es möchte.


Es gibt bis zum 9. Mai noch sechs Aufführungstermine:

Sonntags: 19. 4., 26. 4. und 3. 5., jeweils um 18 Uhr; Samstags: 24. 4. und 9. 5., 19.39 Uhr; Freitag, 8. 5., 19.30 Uhr.

Karten: http://www.theater-narrenschiff.de/index.php?id=78

Telefonische Reservierung: 0 23 03 – 77 05 05 

tn Die katze auf dem heißen Blechdach

 

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