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"Rivalen von einst sind heute gute Partner"

SONY DSCEine Mittelstadt mit knapp 60 000 Einwohnern und nach wie vor zwei Krankenhäusern: Angesichts der Flächen deckenden Ausdünnung des Kliniknetzes genießt Unna damit fast schon Ausnahmestatus. Zugleich strukturiert sich die Kreisstadt als Gesundheitsstandort weiter um, ist im Umbruch: immer mehr Praxen siedeln sich in Kliniknähe an, immer weniger Fachärzte sind in der Innenstadt zu finden. Peter Goerdeler, Verwaltungsleiter und Bevollmächtigter des EK (Gesundheitscampus Unna), spricht über die Probleme, Herausforderungen, aber auch Chancen auf dem immer härter umkämpften „Markt der Gesundheit“.

Herr Goerdeler: Wenn das EK einer Ihrer Patienten wäre, welche Diagnose würden Sie ihm stellen?
Peter Goerdeler: Das EK ist kein Patient. Gegen den derzeitigen allgemeinen Trend schreibt das Krankenhaus positive Ergebnisse. Der Krankenhausmarkt ist zurzeit sehr schwierig. Viele Häuser werden in diesem Jahr mit roten Ergebnissen abschließen, kleinere Häuser vor allem in ländlichen Regionen haben oft keine Zukunft mehr. Das ist politisch gewollt; man versucht, die Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen. Ob immer alles im Sinne der Patienten geschieht, ist eine andere Frage.

Verglichen mit dörflichen Regionen wie dem Hochsauerland wirkt Unna inzwischen wie die Insel der Seligkeit: für knapp 60 000 Einwohner immer noch zwei Krankenhäuser.
Goerdeler: Und nur 500 Meter entfernt!

Kann das dauerhaft gut gehen? Besteht in Unna langfristig Bedarf an zwei Krankenhäusern?
Goerdeler: Ich sehe einen klaren Trend, der uns bestätigt: Abgesehen von einer kleinen Delle 2011, von der wir uns wieder erholt haben, verzeichnen wir seit 2006 Patientenzuwächse von ca. 20 Prozent. Während in den Jahren zuvor viele Menschen aus Unna zu den großen Kliniken abwanderten – z. B. Dortmund – stellen wir jetzt einen gegenläufigen Trend fest: Die Unnaer kehren zu ihren Krankenhäusern in Unna zurück. Auch das laufende Jahr brachte wieder Zuwachs für beide Krankenhäuser.

Sie sprachen gerade wiederholt für „beide“ – auch für das Katholische Krankenhaus. Ist die frühere Rivalität zwischen“EK“ und „KK“ gänzlich überwunden,hat man sich Markt und Patienten sauber aufgeteilt?
Gordeler: Eine gewisse Konkurrenz und Überschneidungen wird es immer geben. Doch die Fachabteilungsspektren sind in beiden Häusern jetzt klar definiert. Unsere Alleinstellungsmerkmale liegen in der Neurologie, der Orthopädie, der Unfallchirurgie und der Gefäßmedizin. Das KK deckt mit entsprechender Spezialisierung die Kardiologie ab. Beide Kliniken profitieren von dieser unterschiedlichen Spezialisierung: Wir schicken unsere Patienten zum Herzkatheter, unsere Neurologen machen hingegen im KK Konsildienst bei entsprechenden Fragestellungen.. Überdies kooperieren das katholische und das evangelische Krankenhaus in einer Reihe weiterer Punkte: Z. B. arbeiten wir partnerschaftlich Im Bereich der Krankenpflegeschule zusammen, beim Hospiz bestehen ebenfalls enge Absprachen.

Hat sich Ihr Haus damit von den Nachwehen der Geburtshilfeschließung gänzlich erholt?
Gordeler: Ich sehe es so: Das Aus unserer Gynäkologie war ein bewusster Akt und – verbunden mit der Einrichtung der Orthopädie – der Start für die Zukunftsfähigkeit beider Krankenhäuser. Natürlich schmerzt ein solcher Schnitt, das ist doch klar. Uns war es wichtig, die Orthopädie zu bekommen.

Die inzwischen Aushängeschild des EK und überregional hoch angesehen ist…
Goerdeler: Tatsächlich haben wir bei Versichertenumfragen der Techniker Krankenkasse und der AOK bundesweit hervorragende Bewertungen bekommen.

Wieviel Anteil an diesem Renomee trägt Ihr Chefarzt Dr. Pothmann? Er genießt einen exzellenten Ruf und entsprechenden Bekanntheitsgrad.
Goerdeler: Natürlich steht zunächst Dr. Pothmann für die exzellente Arbeit der orthopädischen Fachabteilung. Er legt aber Wert darauf, dass eine solche Leistung nur im Team zu erreichen ist: Ärzte, Pflege und Therapeuten zusammen. Wir haben aber auch sehr gute Oberärzte, die wir langfristig an uns binden möchten: Dr. Heinzkyll hat z. B. die Schulterchirurgie aufgebaut; daran werden wir in den nächsten Jahren noch viel Freude haben.Neben der Orthopädie ist die Neurologie zum überregionalen Aushängeschild geworden – Schlaganfall, Multiple Sklerose und Epilepsie sind die Krankheitsbilder, die hier genannt werden müssen.

Wenn Sie sagen, Sie möchten gute Fachärzte ans Haus binden: Müssen Sie dafür – in Anbetracht von Pflegenotstand und ständig größerem Ärztemangel – nicht auch immer mehr Geld in die Hand nehmen?
Goerdeler: Im ärztlichen Bereich haben wir kaum Probleme, unser Stellenplan ist erfüllt. Der allgemeine Fachkräftemangel macht sich eher in der Intensivpflege bemerkbar. Ingesamt scheinen wir aber auch für sehr gute junge Ärzte attraktiv zu sein: Bisher reichten jedes Mal ruhrgebietsweite Ausschreibungen, um offene Stellen schnell wieder gut besetzen zu können. Zur Bezahlung: Unser Tarif ist der kirchliche BAT-KF – der höchste Tarif von allen. Für uns eine zweischneidige Sache: Einerseits macht es uns besonders attraktiv, andererseits sind unsere Personalkosten besonders hoch.

Der Tarif katholischer Träger liegt niedriger?
Goerdeler: Ja, bisher ist das noch so.

Bekommt das EK denn inzwischen einen anderen Notstand in den Griff – den Parknotstand? Anders gefragt: Blinken der Stadt Dollarzeichen in den Augen, nachdem sie an den umliegenden Straßen Parkautomaten aufgestellt hat?
Goerdeler: Ich muss die Stadt in Schutz nehmen. Ich sehe keine Dollarzeichen. Die Anliegerstraßen sind für parkende Anlieger gedacht. Unser Parkhaus hat eine echte Entlastung gebracht, trotzdem findet immer noch Suchverkehr statt. Dies zu unterbinden war die Motivation für Parkautomaten.

Ist denn Ihr Parkhaus so unbeliebt?
Goerdeler: Ich glaube, dass das Parkhaus selber schon akzeptiert wird, es ist sogar aufgrund seiner breiten Wege und Parkflächen sogar sehr beliebt, wie ich immer wieder höre. Und es ist so dimensioniert, dass es auch nach Fertigstellung des zweiten Ärztehauses genug Platz bietet. Deswegen: Ja, die Parkautomaten sind gerechtfertigt.

Rechtfertigen aus Ihrer Sicht – um kurz noch auf die Gesundheitskosten allgemein zu kommen – die Milliardenüberschüsse der Krankenkassen weiterhin hohe Beiträge für die Versicherten? Müssten sich die Kassen nicht ein Beispiel an der TK nehmen, die jedem Versicherten bereits 160 Euro rückerstattet hat und für 2014 weitere Bonuszahlungen ankündigt?
Goerdeler: Ich bin selbst bei der TK (lacht), da sage ich zu einem Bonus natürlich nicht Nein. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es gut ist, wenn die Krankenkassen jetzt pauschal Geld an Versicherte ausschütten. Die Milliardenbeträge werden wir angesichts der steigenden Kosten für die Gesundheit noch brauchen.

Spare in der Zeit, damit du hast in der Not?
Goerdeler: Genau. Nur so schafft man längerfristige Planbarkeit.

Ein kurzes Abschlussstatement von Ihnen zur Krankenhauskonkurrenz – bzw. dem „partnerschaftlichen Wettbewerb“ – hier in Unna: In welchen Bereichen würden Sie dem KK gern noch ein paar Patienten weglocken?
Goerdeler: (lacht) Das würde ich gern mit Herrn Bathen persönlich hier am Tisch besprechen. Im Ernst: Zwischen unseren beiden Häusern bestehen inzwischen wichtige, sehr gut funktionierende Kooperationen. Mir ist wichtig, dass das an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich wird.

Das Interview führten Silvia Rinke, Tobias Kestin und Frank Kuhlmann.

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