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Wo ist nur die Jugend hin?

Die Lindenbrauerei macht sich auf die Suche nach der Jugend. Denn das Publikum des soziokulturellen Zentrums in Unna altert zusehends. Ü30, Ü40, Ü50-Disco – die laufen noch vergleichsweise gut, darunter kommt kaum noch einer.

Ein Problem, dass das Kulturzentrum gerade nach dem 200 000-Rettungsschirm möglichst schnell beheben möchte. Helfen soll dabei eine Studie, die zwei Sozialarbeits-Studentinnen, nun erstellen.

Zeit der langen Schlangen vorbei

Seit ein paar Jahren gehen die Zahlen kontinuierlich zurück. „Vor ein paar Jahren mussten wir die Tür bei Jugendveranstaltungen noch zu dritt sichern, damit nichts passiert“, sagt Chefin Regina Ranft. Aber die Zeit der langen Schlangen ist vorbei.

Im Schnitt müssen etwa 220 zahlende Gäste in eine Lindenbrauerei-Disco kommen, damit es sich betriebswirtschaftlich lohnt, rechnet Andreas Müller vor. „Wir können nicht mehr sagen, die 100, die da waren, hatten Spaß“, sagt Regina Ranft.

Was macht die Lindenbrauerei falsch?

Auch die Discos in der Lindenbrauerei sind damit vorerst gerettet. Foto: Tobias Kestin

Wie geht es weiter mit der Lindenbrauerei? Foto: Kestin

„Was machen wir falsch?“ Diese Frage soll die Studie nun die Studie von Sarah Schlüter und Elisabeth Mühlbauer beantworten. Nach der Vorrecherche hat das Duo einen Fragebogen erhalten, den etwa 400 Schüler von Ernst-Barlach-Gymnasium, Peter-Weiß-Gesamtschule und dem märkischen Berufskolleg erhalten sollen. Darüber hinaus soll beim Start am kommenden Freitag, 27. September, der Fragebogen online gestellt werden um möglichst viele Menschen zu erreichen.

Die Teilnehmer sollen unter anderem beantworten, wie viel Geld sie zur Verfügung haben und wie ihr Ausgehverhalten ist. „Wir erhoffen uns Tipps und Anregungen, was wir besser machen können“, sagt Andres Müller, der seit drei Jahren verantwortlich für die Discos ist.

Das ist der kleinste sozialpädagogische Ansatz, den es gibt, sagt Regina Ranft: „Wo müssen wir die Besucher abholen?“

Zeit der soziokulturellen Zentren vorbei?

Langsam aber sicher, macht sich Unsicherheit in der Lindenbrauerei breit. „Gilt ,Der Letzte macht das Licht aus?‘ Machen wir Ü50, Ü60, Ü70, Ü80-Disco und klappen die Lindenbrauerei dann zu?“, fragt Regina Ranft. Vielleicht sind soziokulturelle Zentren ein Generationenprojekt, das gerade stirbt. „Die Studie soll das klären“, sagt Ranft.

Natürlich hat die Lindenbrauerei immer noch eine Daseinsberechtigung. Das geringere Interesse Jüngerer ist kein reines Unna-Problem, nicht mal ein Ländliches. Im Bundesverband soziokultureller Zentren wird oft über den Besucher-Rückgang geredet, selbst in Düsseldorf halbierten sich Besucherzahlen – jüngst hat der Landesvorstand noch in Unna getagt.

Cocooning macht Discos das Leben schwer

Das Ausgehverhalten habe sich generell verändert, so schlimm, dass es sogar schon einen Fachbegriff gibt: Cocooning. Der Trend gehe dahin, zu Hause zu bleiben, dort etwas zu machen. Oder eben gar nichts. Stress in Schule, Ausbildung, Studium erschlage junge Leute regelrecht. Dazu kommen soziale Netzwerk im Netz. „Die schlafen freitags über dem Laptop ein anstatt mal über die Strenge zu schlagen“, sagt Regina Ranft. Selbst wenn Mutti ihre Kinder lieber auf der Piste sehen würde.

Live-Musik macht Hoffnung

Während die Discos bei der Jugend „out“ sind, macht die handgemachte Musik der Lindenbrauerei Freude. Zahlreiche Bands von TON e.V. üben in der Lindenbrauerei, wenn Rock der Nikolaus und Loud Lindennight anstehen, dann kämpfe die Bands regelrecht um Auftritte und auch die Zuschauer kommen reichlich. Auch der Nachwuchs-Musiker-Workshop „Create Music“ ist halb ausverkauft. „Das ist schön zu sehen, dass die Jugendlichen das machen wollen“, sagt Regina Ranft.

Immerhin ist die Lindenbrauerei weit mehr als Disco – ein soziokulturelles Zentrum eben. Mit Programm für alle – und wenn die Lindenbrauerei weiß, was junge Leute wollen, dann auch für die wieder.

[info]Die Umfragen der Studien beginnen in dieser Woche, im Oktober folgt die Auswertung, erste Ergebnisse sind Ende des Jahres zu erwarten. Im Frühjahr 2014 wird die Studie vorgestellt[/info]

Kommentare (2)

  • Anna

    |

    Eine Stadt, in der eine wissenschaftliche Studie angefertigt wird, um das Ausgehverhalten junger Leute zu analysieren, stellt sich selbst ein sehr trauriges Armutszeugnis aus: hier wird zwischen Jung und Alt anscheinend ungefähr gar nicht mehr auf gleicher Ebene kommuniziert.

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