Rundblick-Unna » Pfarrer Pehle und die Kirchengemeinde Unna machen reinen Tisch: Ein emotionales, versöhnliches Ende einer wechselvollen Beziehung auf Zeit

Pfarrer Pehle und die Kirchengemeinde Unna machen reinen Tisch: Ein emotionales, versöhnliches Ende einer wechselvollen Beziehung auf Zeit

Es war ein Abschied mit ehrlichen, direkten Worten; auf beiden Seiten. „Es hat gerappelt im Presbyterim. Es hat heftig geknallt. Auch in dieser Woche noch einmal“, erklärte Jörg-Uwe Pehle; der, der ging. Superintendentin Annette Muhr-Nelson, die ihm stellvertretend für den Kirchenkreis und seine Gemeinde Ade sagte, sprach von Ambilvalenz, die diesem Abschied innewohnte, von Ärger, Zorn, Enttäuschung, Bitterkeit. Aber auch von Erleichterung. Am Ende fielen sich der langjährige Stadtkirchenpfarrer und die Kirchenkreis-Chefin in die Arme; ein anrührender, emotionaler Moment, dem in diesem Verabschiedungsgottesdienst so manche schon vorausgegangen waren und dem im Verlauf des Abends noch viele weitere folgen sollten.

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Halb Unna war gekommen, um Pfarrer Jörg-Uwe Pehle am Abend der 12. Kneipennacht Lebewohl zu sagen. Es dauerte lange, über eine Stunde, bis Pehle selbst das Wort ergriff und zum vorerst letzten Mal vorn an der Kanzel in „seiner“ Stadtkirche zu „seiner“ Gemeinde sprach. Was er sagte, war ebenso direkt und ungeschminkt wie die Worte der Superintendentin zuvor im Gottesdienst, den Pehles langjähriger Pfarrerskollege Johannes Doering gehalten die Nicolai-Kantorei stimmungsvoll untermalt hatte.

Annette Muhr-Nelson entband den Stadtkirchenpfarrer in diesem Gottesdienst von seinen Pflichten in der Unnaer Gemeinde. Pehle wechselt in den Kirchenkreis Soest, bereitet dort als erste Aufgabe das Reformationsjubiläum mit vor. Und nach der gestrigen Verabschiedung geht er im Guten.

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„20 Jahre“, blickte Pehle, schon wieder in „Zivil“ sich seines Pfarrersgewandes entledigt, sichtlich und hörbar bewegt auf seine Zeit in Unna zurück. Es sei eine Zeit „mit Aufbrüchen und Einbrüchen“ gewesen, „die ich – mit allem, was wir gemeinsam erlebt und geschaffen habe – unendlich genossen habe.“ Es war einer von vielen Momenten an diesem bewegenden Abschiedsabend, in dem Pehle von seinen Gefühlen kurzzeitig überwältigt schien; widerstreitende Gefühle hätten auch seine letzten Monate und überhaupt seine Zeit in der Kirchengemeinde Unna charakterisiert, blickte die Superintendentin in ihrer Abschiedsrede zurück.

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„Der Entscheidung, zu gehen, ging eine längere Zeit der Ernüchterung voraus. Du hast dich neu orientiert in verschiedenen Bereichen – privat durch seine Heirat mit Tom“ (Pehles Lebensgefährten Thomas König), „dann eine längere Krankheit. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Pfarrer auch nach Jahrzehnten in der Gemeinde noch einmal eine andere Aufgabe übernimmt“, gab Muhr-Nelson aber auch zu bedenken. „Ein Wechsel tut gut. Dem, der geht – und denen, die bleiben.“

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Jörg-Uwe Pehle habe die Kirchengemeinde, habe die Stadt auf besondere Weise geprägt, zollte die Superintendentin diesem unermüdlichen „Macher“ und Arbeiter höchsten Respekt. Die Offene Stadtkirche mitten in Unna, die sich nach christlichen Maßstäben den Menschen zuwendet, allen Menschen: Maßgeblich war sie Pehles Verdienst.

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Von Alfred Buß wurde er 1998 ordiniert unter dem Wort: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt. Dieses Dabeisein, mit-den-Menschen-Sein, trieb Pehle stets im Innersten an, sagte Muhr-Nelson. „Du bist ein sehr emotionaler Mensch. Du bist mit Herz und Seele Pfarrer. Besonders Menschen am Rande der Gesellschaft waren bei dir gut aufgehoben. Aids-Kranke, Drogenabhängige, Rocker fanden in dir einen einfühlsamen Seelsorger. Du hast das Profil dieser Kirchengemeinde nachhaltig geschärft. Der Kirchplatz: dein Kind“, lächelte sie Pehle an, denn ohne dessen Motto „Nicht quatschen. Machen!“ wäre dieses Projekt – das mit nachhaltigem bürgerschaftlichem Engagement verwirklicht wurde – möglicherweise nie möglich worden.

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„Es war aber auch anstrengend, mit dir zu arbeiten“, sagte Muhr-Nelson und blickten Pehle dabei offen direkt in die Augen. „Du hast anderen den Raum genommen, und du hast mit deiner direkten und zuweilen ungedulden Art auch Menschen verletzt. Das weißt du selbst. Nimm dankbar mit, was gelungen ist. Was misslungen ist, wird vielleicht mit Abstand noch einmal angesprochen. Oder es heilt mit der Zeit.“

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In ihrer Predigt griff Muhr-Nelson die Wichtigkeit klarer Worte und Ehrlichkeit auf: Die Anschläge auf die Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo waren nochmal Thema, auf dem Liederzettel war ein Foto bunter Stifte abgedruckt – Symbole für Freiheit und Offenheit, erklärte die Superintendentin.

Für jeden Gottesdienstbesucher gab es gleichfalls einen Bunt- oder Bleistift: Damit, lud Muhr-Nelson herzlich ein, möge jeder seinen persönlichen Abschiedsgruß für Jörg-Uwe Pehle auf weiße Blätter zeichnen, die vorne an einer Staffelei vorbereitet waren. „Wir möchten dieses Gemeinschaftswerk anschließend rahmen und Jörg-Uwe Pehle zur Erinnerung schenken.“

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Pehle selbst griff in seinen Abschiedsworten mit der ihm eigenen Spitzbübigkeit noch in die Anekdotenkiste: „Ich wäre so gern ein Mal – nur ein einziges Mal – im Gemeindebüro so begrüßt worden wie ein früherer Pfarrer dieser Gemeinde: Wenn der zur Tür hereinkam, sprangen Frau Schnade und Frau Semrau – die damaligen Gemeindesekretärinnen – gleichzeitig auf, standen kerzengrade und riefen mit zusammengeschlagenen Hacken „Einen schönen guten Morgen, Herr Pfarrer!´ Bei mir hieß es nur: Ach, guten Morgen, Pehle, was wollen Sie denn schon wieder.“ Gelächter in der Kirche, und alle wirkten nach diesem wichtigen,offenen Abschied befreit: die Superintendentin, Pehles Pfarrerskollegen, die Presbyterinnen und Presbyter. Vor allem aber Jörg-Uwe Pehle selbst.

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Letzlich, gab Annette Muhr-Nelson der Gemeinde wie auch dem langjährigen Stadtkirchenpfarrer mit auf den Weg: „Ein Pfarrer ist nicht mit der Gemeinde verheiratet. Er arbeitet dort nur.“ Ein emotionales, versöhnliches Ende einer wechselvollen Beziehung auf Zeit.


 

 

 

Kommentare (13)

  • Tim

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    Nun muss ich doch auch mal einen Kommentar ablassen: Schade, dass Pehle geht. Hatte die ev. Kirchengemeinde einen solchen Pfarrer verdient? Sieht man das Abschiedsbild, stehen dort auch die Leute mit freundlicher Mine, die von Anfang an gegen den Herrn Pfarrer gearbeitet haben und nie auch nur ein gutes Wort für ihn übrig hatten. Namen brauchen nicht genannt zu werden. Man kennt sie halt, denn sie haben sich anfangs noch geortet. Sie schwiegen öffentlich in den letzten Jahren nur deshalb, weil ihre scheinheilige Anschauung nicht mehr mehrheitsfähig war. Wäre schämen ihr Ding, hätten sie sich nicht einmal an den Rand des Bildes gestellt..

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  • Christel Heinze via Facebook

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    es war eine sehr gefühlvolle Verabschiedung.

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  • Susanne Singerhoff-Schammel via Facebook

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    MICH treiben die an diesem Abend erlebte geballte Scheinheiligkeit und die sogenannten „ehrlichen“ Worte von Amts- und Würdenträgern nun endgültig zum Amtsgericht… Wirklich ehrlich waren die Trauer und vielen Tränen etlicher Gemeindemitglieder. die hilflos die Konsequenzen unchristlichen Denkens und Handelns Anderer hinnehmen müssen. Und: Jörg-Uwe : Bleib wie Du bist! Weil so haben wir Dich lieben gelernt und daran wird sich auch nichts ändern, egal wo Du bist bzw. welche Gemeinde Du bereicherst. Die Unnaer Kirchengemeinde wird um Einiges ärmer ohne Dich sein. Aber gönnen wir den Soestern auch was Gutes.

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    • Chrissy

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      Korrekt geschrieben Tja das Interne sprich Intrigen etc. ist mir aus früherer Zeit bekannt. Bin ebenfalls traurig – was unseren Pastor Pehle widerfahren ist. Aber eines möcht ich dokumentieren. Er hat meine Jüngst getauft und bin stolz darauf.

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  • Jessika

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    Warum treten so viele Leute aus der Kirche aus ?! Genau wegen solcher scheinheiligen Hobbykirchenvertreter und Laienehrenamtler. In der Kirche machen sie auf frommer Christ und vor der Kirche und zu Hause nur Intrigen und Missgunst.

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  • Uwe Petersmann

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    Unna verliert-Soest gewinnt!!

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  • Andrea Henschel via Facebook

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    Sehr Schade! Für uns war er der Mensch in der Unnaer Kirche der diese auch Lebendig gemacht hat. Natürlich und immer an der Gemeinde

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  • Johannes Doering

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    Als Pfarrer dieser Gemeinde bedaure auch ich den Weggang meines Kollegen Jörg-Uwe Pehle. Zugleich muß ich jedoch den ebenso üblen wie haltlosen Vorwurf der Scheinheiligkeit, der hier gegen unser Presbyterium erhoben werden, entschieden zurückweisen. Jörg-Uwe Pehles Differenzen mit ihm waren niemals inhaltlicher Natur und betrafen auch (entgegen anderslautenden Gerüchten) in keiner Weise seine Homosexualität, die voll und ganz akzeptiert war. Dieses Presbyterium begleitet und unterstützt uns Pfarrer/innen mit großem Einsatz und hoher Kompetenz, und es hat (entgegen Tims Behauptung) auch für Jörg-Uwe Pehle sehr viele gute Worte und viel Geduld auch mit seinen „Ecken und Kanten“ gehabt. Nach den unschönen Auseinandersetzungen der letzten Zeit hat es mit seiner fast vollzähligen Anwesenheit und Mitwirkung an Jörg-Uwes Verabschiedung nicht Scheinheiligkeit, sondern Größe bewiesen.

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  • petra weber

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    Was immer auch zu den Differenzen geführt haben mag. Fakt ist, Pehle hat die Stadtkirche zum Leben erweckt, Menschen jeden Alters, jeder Coleur wieder mitnehmen können und so der Bedeutungslosigkeit der Kirche entgegengewirkt. Sie mit Leben, Kontroversen und Diskussionen erfüllt. Das aber auch so viele ältere Menschen beim Abschiedsgottesdienst waren zeigt, dass die Menschen, die im Glauben halt finden, gut aufgehoben waren. Die Menschen, die da nicht so fest im Glauben sind, waren aber beeindruckt von der Menschlichkeit und der Offenheit, aber auch von der „Moderne“ des Pfarrers. Das muss ihm erst mal jemand nachmachen.

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  • Enno Detert

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    Ich bin seit Jahren Mitglied im Presbyterium und bin heute auf diese Internetseite angesprochen worden. Ich bin doch einigermaßen erstaunt über die Kommentare und Schlußfolgerungen.
    Wer bei dem Verabschiedungsgottesdienst von Pfarrer Pehle anwesend war und gut zugehört hat, konnte alle Zusammenhänge um die Verabschiedung von Pfarrer Pehle erfahren. Diese sind hier auch richtig wiedergegeben. Das Presbyterium hat Herrn Pehle gegenüber immer wieder seine Wertschätzung ausgedrückt. Ich kenne keine Person im Presbyterium, die von Anfang an gegen Herrn Pehle gearbeitet hätte. Mir ist schleierhaft, warum in diesem Zusammenhang über Verlogenheit oder Scheinheiligkeit gesprochen wird. Es gab sicher Themen, bei denen man sich wegen der Sache inhaltlich auseinandergesetzt hat, darüber wurde im Presbyterium auch mehrfach gesprochen. Es gab auch zeitweise sehr hohe Belastungen, über die gesprochen wurde. Dies wurde aber sowohl von Frau Muhr-Nelson als auch von Herrn pehle benannt.
    Ich bin wie die meisten Mitglieder im Presbyterium ehrenamtlich tätig neben der Berufsausübung. Mich würde sehr interessieren, ob jemand in irgendeiner Firma oder Branche einen ähnlich aufwendigen und komplexen Prozess der Bearbeitung von Problemen kennt. Wenn wir inhaltlich an einer guten Gemeindearbeit interessiert sind, sollten wir dies auch gemeinsam tun. Wenn ein Interesse an einem Austausch zu dem Thema besteht, kann man mich gerne ansprechen.

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  • Fritz Gerhard Beenss

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    Ich bin 1941 von Pastor Oberhaus in Vlotho konfirmiert worden und konte jetzt mit fünf Konfirmandinnen die Kronjuwelen Jubelkonfirmation feiern und freue mich besonders daß die St.Stephansgemeinde endlich einen Hirten gefunden hat !

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    • Silvia Rinke

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      :-) Sie hat einen hochengagierten Hirten gefunden, der seine Herde vorbildlich hüten wird, lieber Herr Beenss!

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  • "Zermürbt" durch Anfeindungen wegen Homosexualität – Unnas früherer Stadtkirchenpfarrer Pehle verlässt Vlotho | Rundblick Unna

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    […] Sein Abschied von der Ev. Kirchengemeinde Unna am 1. März 2015 wurde zum Lebewohl mit ehrlichen, direkten Worten; auf beiden Seiten. „Es hat gerappelt im Presbyterim. Es hat heftig geknallt. Auch in dieser Woche noch einmal“, erklärte Jörg-Uwe Pehle im Abschiedsgottesdienst. Die damalige Superintendentin Annette Muhr-Nelson, die ihm stellvertretend für den Kirchenkreis und seine Gemeinde Ade sagte, sprach von Ambilvalenz, die diesem Abschied innewohnte, von Ärger, Zorn, Enttäuschung, Bitterkeit. Aber auch von Erleichterung. […]

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