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Packend, ergreifend, urkomisch: Christine Westermanns Lieblingsbücher 2014

Und da ist sie wieder, wickelt sich aus ihrem roten Schal und blickt lächelnd auf das putzige Adventsgesteck auf ihrem Lesepult. Alle Jahre wieder Christine Westermanns Lieblingsbücher, in Menden auf der Wilhelmshöhe.

„Ah…“, sagt sie genießerisch und rückt sich auf ihrem Stuhl zurecht, „wieder mal hier. Wie schön!“ Mitgebracht hat die Journalistin, Buchautorin, Büchernärrin wieder Lesefutter,  neun Bücher diesmal, die man, frau gelesen haben muss.

Zu Beginn „eine Geschichte, die zutiefst verstört“: Bonnie Nazdams „Mr. Lamb“. „Seine Frau ist gestorben, sein Chef hat ihn gebeten, mal ein paar Monate nicht zu kommen… er hat´s mit ganz jungen Mädchen“, fasst Westermann kurz zusammen. Und betont: „Lesenswert.“

Christine Westermann liest

„Drei auf Reisen“ von Bestsellerautor David Nicholls beginnt so, wie sie es liebt, gesteht die Büchernärrin: „Denn länger als 30 Seiten darf es nicht dauern, bis es mich packt. Sonst ist das Buch weg.“ Dieses Buch packt sie mit der ersten Seite. „Letzten Sommer, kurz bevor unser Sohn aufs College ging, weckte mich meine Frau mitten in der Nacht…“ nicht, weil Einbrecher im Haus ihr Unwesen treiben, sondern weil die Ehefrau dem Ehemann das Ende ihrer Ehe verkündigen will – um vier Uhr früh. „Ich will dich verlassen, Douglas.“ Na ja, denkt der sich: „Wenigstens sind´s keine Einbrecher.“

Lustige, komische, ergreifende, „einfach wunderschöne und tolle“ Bücher legt Christine Westermann der Mendener Lesegemeinde wieder ans Herz. „Starke Geschichten“ von Liebe, Leidenschaft und Lust, auch mal von Mordlust. Denn ja, auch ein handfester Krimi ist dabei. „Ich lese Kriminalromane nicht so häufig. Dieser hier aber…“ Dieser hier ist von Sascha Arango, Tatort-Drehbuchschreiber („.. was an sich noch keine Auszeichnung ist…“), heißt „Die Wahrheit und andere Lügen“ und bringt mit seiner Hauptfigur ein Kunststück fertig: „Ich hätte nie gedacht, dass man einen notorischen Lügner und Betrüger so nett finden kann!“

Komplett aus dem Häuschen gerät Christine Westermann über „Sirius“ von Jonathan Crown. Der Name: ein Pseudonym. Der (deutsche) Autor möchte unerkannt bleiben, da seine Geschichte wahrscheinlich autobiografisch ist. Sie spielt im Berlin der 1930er-Jahre. Hauptfigur ist Sirius – ein Hund, ein jüdischer Hund. Zu Beginn heißt er Levy, mit Beginn der Judenverfolgungd darf er so nicht mehr heißen. Heißt er also fortan Sirius.

„Der Hund reißt die rechte Pfote hoch zum Hitlergruß – es ist Zeit, aufzubrechen“, liest Christine Westermann vor, schiebt die Brille ins Haar, blickt strahlend hoch: „Auf jeder Seite so ein Knaller!“ Eine „ganz, ganz tolle Geschichte“, bei aller Schicksalsträchtigkeit unglaublich heiter und unbeschreiblich komisch – „… wie dieser Hund am Ende im Führerbunker auf Hitlers Schoß sitzt und was dieser Hund über Hitler denkt…!“ Christine Westermann ist hin und weg.

Wilhelmshöhe Publikum

Die Leselust dürfte viele der 400 Besucher nach diesem Abend (wieder) schwer gepackt haben – zumal nach der Pause Robert Seethaler noch aus einem „ganz besonders tollen Buch“ liest, Westermann empfahl es im vorigen Jahr: „Der Trafikant“.

 

Christine Westermanns Lieblingsbücher 2014:

Bonnie Nazdam: Mr. Lamb

David Nicholls: Drei auf Reisen

Sascha Arrango: Die Wahrheit und andere Lügen

Alex Capus: Mein Nachbar Urs (17 Kurzgeschichten)

Jonathan Crown: Sirius

Parisi/Mahrenholz: Shakespeare! Theater!

Volker Weidermann: Ostende 1936, Sommer der Freundschaft

Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend – derzeit vergriffen; Gräser der Nacht

de Winter: Die Geschichte von Blue

 

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