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Noch besser als beim 1. Mal: Gott des Gemetzels

Das Theater Narrenschiff Unna zeigt "Der Gott des Gemetzels" mit Kathrin Bolle, Marco Daniel, Jennifer Angersbach und André Decker. Foto: tn

Dabei ging es nur um einen Streit unter Jungs… Foto: Theater Narrenschiff

„Wieso benimmst du dich nur so fürchterlich?“, heult sie ihn an – mit ohrenbetäubender Lautstärke brüllt er zurück: „Weil – ich – Lust – dazu habe!! Ja!! Ich habe Lust, mich fürch-ter-lich zu benehmen!!!“ Man möchte sich vor Lachen biegen und gleichzeitig unter dem Sitz verschwinden, denn Gott sei Dank schreit man sich nicht selbst da vorne völlig hemmungslos mit seinem Ehegatten an. Puh…!

So übel infernalisch kann es enden, wenn zwei zivilisierte, ausgesucht höfliche Ehepaare eigentlich bloß auf einen Kaffee gesittet miteinander reden wollen. Da wird noch vor Beginn des Desasters ein unschuldiger Hamster hinterrücks auf dem Bürgersteig entsorgt, ein Handy ertrinkt in der Tulpenvase, und die Tulpen selbst fliegen brutal aus der Vase geschleudert über die Bühne… erst dieser jämmerliche Anblick des misshandelten Grünzeugs bringt Alain, Annette, Veronique und Michel schließlich in der 89. Minute zu Besinnung.

Der Gott des Gemetzels ist auf die Narrenschiffbühne zurückgekehrt, leider nur für drei kurze Aufführungen präsentiert das Ensemble die rabenschwarzen Yasmina Reza-Komödie erneut nach 2012. Nur dreimal, das ist deswegen besonders bedauerlich, weil sich die vier Akteure – dieselben wie im Vorjahr: Marco Janiel als schnöselige Alain, Jennifer Angersbach als unterwürfige Annette, Kathrin Bolle als gutmenschelnde „Vero“(nique) und Regisseur Andre Decker selbst als Pfannen- und Klospülenverkäufer Michel – also weil sich die vier allesamt jetzt erst so richtig warm gespielt haben und sich in ständig wechselnden Kombis (jeder gegen jeden) Schlagabtäusche vom Allerfeinsten liefern.Mit neuen Gags und noch fieseren Gemeinheiten, auf die man erst mal kommen muss – manches wirkte in der Premiere ganz spontan aus dem Bauch herauszischt und -gebrüllt.

Kurz und schmerzlos: Der Inhalt

Der Inhalt des 90-Minuten-Stücks ist kurz und schmerzlos erzählt: Der elfjährige Ferdinand hat seinem Klassenkameraden Bruno mit einem Stock zwei Schneidezähne herausgeschlagen, und als anständige Bildungsbürger treffen sich die Eltern zum Kaffee, um den „unschönen Vorfall“ in Vernunft zu besprechen.

Doch schon bei der Frage, ob Ferdinand mit einem Stock „bewaffnet“ oder vielleicht doch nur „ausgestattet“ war, tropfen die ersten galligen Sticheleien in die krampfig-höfliche Konservation; in Windeseile fliegen kleine und größere Bösartigkeiten wie Giftpfeile hin und her, treffen mal die Paare gegenseitig, mal die Paare untereinander, jeder gegen jeden geht´s.

Darsteller sind in Höchstform

Als Zuschauer lacht man sich diesmal wirklich kaputt, zumal das komplette Darstellerquartett bei dieser Neuauflage des Verbalgemetzels zu Höchstformen aufläuft: Da wird beleidigt, gedemütigt und hämisch verspottet, bis jedwede Grenzen des guten Geschmacks überschritten sind, und nicht nur Michel scheint sich diesen Moment mit jeder Faser seines Körpers herbeigesehnt zu haben: sich endlich diese starr lächelnde Maske des Immerzu-Gutbürgers herunterzureißen und sich – egal wie lächerlich der Anlass ist – hemmungslos und bodenlos daneben zu benehmen. Am Ende – nein, zwischendrin schon – wird die Wahrheit (durch Annette) buchstäblich auf den Tisch gekotzt beziehungsweise über einen unschätzbar kostbaren Fotoband der hysterisch reagierenden Vero.

Zum Schreien komisch ist das alles… Wer den Schaden hat, braucht ebenfür den Spott nicht zu sorgen. Und so bedauert das Publikum, während es sich die Lachtränen aus dem Gesicht wischt, im heftigen Schlussapplaus höchstens den armen derangierten Tulpenstrauß – und stellt sich, glucksend vor Lachen, doch ein wenig besorgt noch die Frage, ob das arme Hamster-Nagetier, tückisch von Michel ausgesetzt, dort draußen auf dem kalten französischen „trottoir“ überlebt hat.

Weitere Aufführungen am 10. und 16. November

Ein wonniges Gemetzel. Noch am 10. November, 18 Uhr, und am 16. November, 19.30 Uhr. Reingehen und mit einfach sauguter Laune wieder rauskommen. Und für die Verheirateten: Schlimmer kann es in der eigenen Ehe nicht kommen – das macht ein ziemlich gutes Gefühl.

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