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Niedergang der Fußgängerzone dokumentiert den Niedergang einer Stadt

Sommer-Interview“ mit SPD-Fraktionschef Michael Hoffmann
Kultur, Innenstadtsanierung, Schuldebatte – direkt nach der Sommerpause wird der neue Rat von geballten Problemen wieder eingeholt. Frage an den Vorsitzenden der größten Ratsfraktion: Wo sieht die SPD zunächst ihre wichtigsten Schwerpunkte?
Michael Hoffmann: Ganz abgesehen von den angesprochenen großen Themen die wir anpacken müssen und anpacken werden: Ich sehen unseren wichtigsten Schwerpunkt als Sozialdemokraten ganz klar darin, Langzeitarbeitslose aus der Arbeitslosigkeit zu holen. Konkrete Ideen dazu liefert seit Jahren und Jahrzehnten die Werkstatt im Kreis Unna – ich kann nicht oft genug unterstreichen, wie wichtig sie für den gesamten Kreis Unna ist, wobei sich leider nur wenige Kommunen des Kreises an der Finanzierung beteiligen.
Konkret beteiligt sich nicht einmal die Hälfte der zehn Kommunen.
Michael Hoffmann: Ja, das ist bedauerlicherweise so. Die jährlich 10 Millionen Euro Fördermittel kommen zum größten Teil aus Landes-, Bundes- und EU-Arbeitsmarkttöpfen, die mit Hilfe des Jobcenters und der Arbeitsagentur aktiviert werden. Fröndenberg, Holzwickede und Bönen schießen zusammen 150 000 Euro jährlich zu; gut, dass sie sich solidarisch erklären. Der Nordkreis hat sich leider vollständig zurückgezogen. Umso bemerkenswerter – das muss immer wieder hervorgehoben werden – sind die 500 000 Euro, die jedes Jahr von der Staddt Unna kommen, freiwillig! Man muss bedenken, dass die Werkstatt heute 1100 Ausbildungs- und Weiterbildungsplätze bietet und jährlich 3000 Menschen erreicht. Darüber hinaus arbeitet sie mit 25 Schulen zusammen. Über 2000 Schüler können sich jedes Jahr beruflich orientieren. Die berufspraktische Qualifizierung läuft in 20 Berufsfeldern statt, mit 1500 Betrieben arbeitet die Werkstatt dabei eng zusammen. Und nicht zu vergessen – die Arbeitsplätze, 190 Beschäftigte sind bei der Werkstatt aktiv.
Die halbe Million jährlich von der Stadt Unna – ist das das Ende der Fahnenstange?
Michael Hoffmann: Unsere Möglichkeiten sehe ich erschöpft. Zum Glück haben wir in Arbeitsagentur und dem Kreis Unna tolle Bündnispartner, die das Thema als oberste Priorität erkannt haben. Wir geben jedes Jahr kreisweit 96 Millionen Euro für Langzeitarbeitslose aus, das kann doch nicht wahr sein. Wir dürfen nicht Arbeitslosigkeit, vor allem nicht Langzeitarbeitslosigkeit subventionieren, sondern Arbeit und sinnvolle Perspektiven gerade für junge Menschen!
Junge Menschen, alte Menschen – Stichwort Demografie: Welche Antworten will die SPD auf die Herausforderung der Überalterung geben?
Michael Hoffmann: Demografie darf aus meiner Sicht nicht darauf eingeschränkt werden, dass wir uns über immer noch mehr Seniorenwohnungen und Seniorenangebote unterhalten. Wir reden statt dessen darüber, dass alles älter, bunter und vielfältiger wird. Wir müssen Wohnraum schaffen – speziell für junge Familien mit Kindern, die uns die Zukunft unserer Stadt sichern! Unglaubliche private Werte werden vernichtet, indem Häuser, aus denen ältere Menschen ausziehen, einfach leer stehen.
Nächster Punkt – Kultur: Steckenpferd des Kulturausschussvorsitzenden.
Michael Hoffmann: Diese Region und diese Stadt müssen attraktiv bleiben, ein hoher Kultur- und Freizeitwert schafft höhere Lebensqualitäten. Wer meint, er kann an Kultur sparen, hat den Schuss nicht gehört.
Also keine Debatte über den Sinn der Subventionen für die Lindenbrauerei?
Michael Hoffmann: Unna ist ohne das Kulturzentrum Lindenbrauerei nicht vorstellbar. Über konzeptionelle Änderungen muss man sicher reden, das geschieht ja bereits. Ich wünsche mir schnellere Ergebnisse. Aber die Zuschussfrage grundsätzlich stellt sich nicht. Nein.
Zum Thema Schulen stellen sich immerhin gleich mehrere Grundsatzfragen. Hat die SPD ihre Zielsetzungen für die Grundschulen schon hinreichend geklärt?
Michael Hoffmann: Die Dorfschulen sollten möglichst erhalten bleiben – bis 2020 zunächst, so lange erstrecken sich die Prognosen des Schulentwicklungsplans. Wenn keine Kinder da sind, erledigt sich das. Für die Innenstadt wäre das Beste ein zentral gelegener Standort – am Hertinger Tor beispielsweise – der mit modernen Mitteln so ausgestattet werden kann, dass wir unseren Kindern in Unna zeitgemäßes Lernen ermöglichen.
Wie sieht die SPD die Zukunft der weiterführenden Schulen?
Michael Hoffmann: Die drei Gymnasien und zwei Gesamtschulen stehen solide da, darüber müssen wir uns keine Sorgen machen. Die Anne-Frank-Realschule wird nicht zu halten sein. Hier hat sich die Prognose von Schulentwicklungsplaner Dr. Ernst Rösler leider schon bewahrheitet. Die AFR kann zum kommenden Schuljahr keinen neuen fünften Jahrgang mehr bilden – die Anmeldezahlen waren zu gering für drei Klassen, das ist ja bekannt. Wenn man einmal in so einer Spirale drinsteckt, kommt man kaum wieder heraus. Schade, äußerst bedauerlich, auf jeden Fall?
Also künftig nur noch eine Realschule – die Hellweg-Realschule in Massen?
Michael Hoffmann: Nur noch ein Realschulstandort. Der muss nicht in Massen sein. Die Standortfrage sollten wir offen lassen. Es gibt in der Elternbefragung zu den weiterführenden Schulen eine Aussage, die sehr ernst zu nehmen ist: Die Unnaer fahren nicht nach Massen. Dass ein Teil der HRS-Schüler aus Holzwickede kommen, darf nicht ausschlaggebend für die Standortfrage einer Realschule Unna sein.
Was überhaupt zum Thema einpendelnde Schüler führt…
Michael Hoffmann: 40 Prozent der in Unna beschulten Kinder kommen aus umliegenden Kommunen. Wir begrüßen das natürlich als tolle Bestätigung für die Schulstadt Unna. Aber wir wollen von den anderen Kommunen Geld sehen. Das muss nach der Sommerpause offen diskutiert werden.
Kommt nach der Sommerpause auch die Fußgängerzone noch aufs Tapet?
Michael Hoffmann: Wir werden noch in diesem Jahr die Sanierung der Fußgängerzone einstielen. Die anfängliche Idee, nur den Mittelteil mit den lockeren und schadhaften Steinen zu sanieren, ist technisch kaum machbar, es würde ja auch wiederum nur Flickwerk bedeuten. Damit hätten wir die alte Diskussion. Wenn man eine Komplettsanierung mal alle 15 bis 20 Jahre macht, ist das aus meiner Sicht vollkommen gerechtfertigt. Der Niedergang einer Fußgängerzone dokumentiert den Niedergang einer Stadt.
Das Interview mit Michael Hoffmann führte Silvia Rinke.

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