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Müsst ihr denn echt alles kaputtmachen?

Ein Kommentar.

Fußball – die (zweit)schönste Nebensache der Welt. Für die einen prolliger Sport, für die anderen fast Religion. Ich selbst liebe Fußball. Seit meinem 16. Lebensjahr gehe ich regelmäßig zu Heimspielen des BVB.

Mein Vater hatte bei meiner Geburt ein klein bisschen wehmütig gedacht „Ein Sohn, der mit mir zum Fußball geht, wär ja auch schön gewesen!“ Er hätte sich keine Sorgen machen müssen – in Hochzeiten war ich eine dermaßen glühende Vereinsanhängerin, dass so manch gestandener Alt-Fan meine Schimpf- und Jubeltiraden auf der Tribüne gleichermaßen amüsiert wie anerkennend verfolgte. Nur der BVB!

Wunderschöne Erinnerungen an tolle Spiele

Die Meisterschaften, der Sieg der Champions League 1997, das Pokalfinale 2012 in Berlin – der herausragende Sieg gegen den FC Bayern: Wir waren dabei. Die ganze Familie! Das Wunder von Malaga, der Ausgleich in der allerallerletzten Minute, die Explosion von Jubel auf den Tribünen – wir waren dabei und beinah wäre mein Sohn vor lauter Aufregung im Stadion zur Welt gekommen!

Explosion – da sind wir beim Thema. Explosionen sollen im Fußball nur aus Freude über Tore, Siege, Teamwork stattfinden. Jubel-Explosionen. Freuden-Explosionen. Bomben, Sprengsätze und Fußball – das geht für mich nicht zusammen. Egal ob Terroranschlag oder ausgeuferte Vereinsrivalität, egal ob Christ, Moslem oder Hindu, egal ob Dortmund, Schalke, Bayern – in den Farben getrennt, in der Sache vereint.

Es soll sogar Menschen geben, die die andere Farbe geheiratet haben und damit sehr glücklich leben (wir haben die kleine Blaue in die Familie aufgenommen, und lieben sie sehr – echt, Leute, das geht!). Neben dem Platz, außerhalb des Stadions, fernab vom Spiel ist für Rivalität kein Platz, für Hass und Gewalt schon gar nicht.

Als Symbol für so vieles: In den Farben getrennt, im Leben vereint. Foto: C. Nolte

Als Symbol für so vieles: In den Farben getrennt, im richtigen Leben vereint. Foto: C. Nolte

Anschläge auf Sportler? Echt jetzt?

„Mama, hat der Onkel mit der lustigen Frisur gestern ein Tor gemacht?“

„Nein, mein Schatz.“ Ja, und nun? Wie erkläre ich – schon wieder – etwas, das ich mir selbst nicht erklären kann?

Der gestrige Anschlag hat mich entsetzt und ratlos gemacht. Werden jetzt schon Sportler Ziel von Anschlägen? Hier? Müssen die Bundesliga-Mannschaften demnächst mit Personenschutz und in gepanzerten Fahrzeugen zu den Spielen gebracht werden? Bestimmt hat keiner der Profis, die gestern im Dortmunder Mannschaftsbus saßen, je damit gerechnet, Opfer eines Bombenattentats zu werden. Mitten in Deutschland.

Ich als Mutter von Marc Bartra – dem wir hier nochmals alles Gute und baldige Genesung wünschen möchten – würde meinem Sohn nach dem gestrigen Abend eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann empfehlen. Oder zum Häschen-Dompteur. Leben nun schon Sportler gefährlich? Ernsthaft jetzt?

Haben die Wirrköpfe gewonnen?

Als meine Söhne geboren wurden freute ich mich darauf, das erste Mal mit ihnen ins Stadion zu gehen. Ihnen die Atmosphäre zu zeigen, ihnen den Fußball zu erklären (bis auf Abseits, das muss der Mann machen), mit ihnen zu singen und zu jubeln.

Nicht erst seit gestern denke ich, dass das auch von der heimischen Couch geschehen kann. Sicher, wir lassen die gefährlichen Wirrköpfe da draußen nicht gewinnen. Auch heute Abend werden viele, viele Fans im Stadion sein und gegen Hass und Gewalt ansingen – für den Fußball, für den Sport. Und ja, auch für die Freiheit. 

Aber würde ich Gesundheit und Leben meiner Söhne riskieren, nur für diesen Sport? Um zu beweisen, dass ich was –  keine Angst habe? Aber die habe ich. Haben die Idioten gewonnen? Ich kann es euch nicht sagen – aber die Unbeschwertheit und Freude, ins Stadion zu gehen, Leute, die hat echt Schaden genommen.

Egal, wer ihr seid – müsst ihr denn echt alles kaputtmachen?

 

Dies ist eine persönliche Meinung und der Kommentar einer auf viele Arten sehr müden Mama.

 

 

Kommentare (5)

  • luenne

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    Dem Stimme ich zu.
    Dafür das wir in einer Welt leben die soviel technischen Fortschritt innerhalb der letzen 50 Jahre erreicht hat ist es einfach erschreckend was im Moment überall passiert.

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  • Hans-Otto Dinse

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    Egal, wer ihr seid – müsst ihr denn echt alles kaputtmachen?

    Ja das müssen sie, denn sie wollen unsere Art zu leben kaputt machen. Aber eigentlich hab ich keine Lust mehr für Erklärungen. Wer nicht wach geworden ist, wenn unsere Weihnachtsmärkte und andere Volksfeste mit Betonpollern und schussbereiten, mit MP bewaffneten Polizisten, geschützt werden müssen und jetzt erst erstaunt seine Umwelt wahrnimmt, tut mir eigentlich nur leid. Deutschland wird sich verändern – und das ist gut so. Danke Frau Göring E. !

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  • Markus Antonius

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    Echte Liebe. Die lassen wir uns nicht kaputt machen. Weder von Idioten in schwatz-gelb (wie gegen RB) noch von anderen Vollpfosten. Denn bei uns sind alle am Borsigplatz gebor’n, egal woher sie kommen. Heja BVB!

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  • Helmut Brune

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    Schön geschrieben. Das Schlimme daran ist, daß man vorher nicht sehen kann, welche Absichten jemand verfolgt und ob jemand eine Gehirnwäsche erhalten hat. Es sind immer Unschuldige, die zum Opfer werden. Es ist zum Wahnsinnig werden.

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  • Kiki

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    Tanja, ein toller Bericht. Schließe mich voll an. Du hast SOOO Recht.

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