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"Die meisten Parteien nehmen Jungwähler nicht ernst"

7200 Erstwählerbriefe im Wahlkreis eingetütet und verschickt, 3200 davon in Unna: Und eine dieser 3200 Erstwählerinnen aus der Kreisstadt fand am Donnerstag, am Vor-Vor-Vortag der Bundestagswahl, tatsächlich auf Einladung des grünen Spitzenkandidaten Malte Spitz ihren Weg zur Grünen-Kreisgeschäftsstelle an der Wasserstraße. Hier genoss Mara Schmiedinghoff, 18-jährige Jung- und Erstwählerin, bei Bionade und Grissini einen Wahl-Infonachmittag der exklusiven Art: Denn mit Spitzenkandidat Spitz und drei weiteren Grünen saß sie allein am Tisch. Zur Gesprächsrunde, die als offen angekündigt war und die locker und offen ablief.

 

Von Silvia Rinke

Ich weiß schon, wen ich wähle

Die GSG-Abiturientin darf am Sonntag erstmals ihren Stimmzettel in die Urne versenken. „Eigentlich weiß ich ohnehin schon längst, wen ich wähle“, erklärt Mara. „Ich fand es aber trotzdem eine gute Idee, mal direkt mit Parteivertretern über die Ziele und Vorstellungen der Partei zu sprechen.“

Dass der Gesprächsbedarf bei den übrigen 7199 Angeschriebenen offenbar gegen Null tendiert (es zumindest an diesem Donnerstag tat), damit ging Wahlkreiskandidat Spitz souverän um. „Wir haben einen Getränkevorrat für fünf bis zehn Leute besorgt“, sagte der selbst erst 29-Jährige. „In einer größeren Runde macht es sowieso wenig Sinn.“ Außerdem: „Es ist nicht mein erster Wahlkampf, deshalb kann ich die Resonanz auf derartige Gesprächsangebote schon recht realistisch einschätzen, denke ich. Über jeden, der kommt, freuen wir uns.“

Abiturientin Mara freute sich ihrerseits über den Erstwählerbrief und die Gesprächseinladung. „Man kann bei den anderen Parteien das Gefühl bekommen, dass sie uns Jungwähler noch nicht ganz für voll nehmen“, beschreibt die junge Frau ihren eigenen Eindruck und den mancher Altersgenossen. Sie sieht ihre Generation „schon interessiert an der Wahl. Die, die ich kenne, wollen alle am Sonntag wählen. Viele wissen nur noch nicht, wen.“

Umweltschutz steht bei Mara ganz oben

Für Mara stand Umweltschutz schon immer ganz oben, „da war die Partei eigentlich klar…“; sie grinst. Doch fand sie im Neun-Punkte-Programm noch ein anderes Thema, dass ihr sehr wichtig ist, „Toleranz. Darum müssen sich die Parteien dringend kümmern“, findet die 18-Jährige. „Nicht, dass wieder die Rechten die Oberhand gewinnen.“

Nur zwei Schulen informierten Schüler über die Wahl

Für Dorothee Kuckhoff vom Unnaer Wahlkampfteam ist es ein schlechtes Zeichen – wenn nicht gar ein alarmierendes – dass diesmal nur zwei weiterführende Schulen im ganzen Kreis Unna eine Wahl-Informationsveranstaltung für ihre Schüler auf die Beine stellten. Es waren das Clara-Schumann-Gymnasium in Holzwickede und das Unnaer Ernst-Barlach-Gymnasium. „Vielleicht ließen die späten Sommerferien einfach zu wenig Vorbereitungszeit“, mutmaßt Kuckhoff, „aber enttäuschend ist es schon.“

Enttäuschend war für Direktkandidat Malte Spitz diesmal der gesamte Wahlkampf: zuerst wochenlang lähmende Langeweile bis zur Einschläferung, und auf der Zielgraden jetzt „wird wieder nach Schmutz gesucht und damit geworfen“, bestätigt Dorothee Kuckhoff unter Anspielung auf den „Steinbrück-Finger“. „Da hängt ein Kandidat am Finger“, ergänzt Marian Madeja mit beißendem Spott.

Die Inhalte, darauf kommt es Jungwählerinnen wie Mara Schmiedinghoff an. Nicht darauf, „dass sich Parteivertreter niederschreien und sich ihre Parolen um die Ohren hauen. Mir persönlich bringt das gar nichts“, betont die junge Frau. „Viel mehr bringen mir Gespräche mit der Partei allein. Ich kann mir dann mein eigenes Urteil darüber bilden, was mir am Wahlprogramm zusagt.“

Nach dem Informationsnachmittag exklusiv für sie will Mara „immer noch die Partei wählen, die ich auch vorher gut fand – doch -“ – sie lacht – „ich wähle jetzt überzeugt!“

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