Rundblick-Unna » Maikundgebung mit markiger Arbeitgeberschelte vor überschaubarem Publikum

Maikundgebung mit markiger Arbeitgeberschelte vor überschaubarem Publikum

Der Gewerkschaftsboss wettert gegen gierige Banken, gewissenlose Unternehmer und russische Oligarchen, es gibt Bratwürstchen und dazu Bier aus Plastikbechern und zur Einstimmung das Lied von den Moorsoldaten, gemeinsam abgesungen von Liederzetteln.

Gut, einzelne der versprenkelten Teilnehmer singen jede Strophe tatsächlich eifrig mit. Die meisten belassen es aber maximal beim Mitsummen der bekannten Melodie. Hinterher gibt´s noch die „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ und zwischendurch markige Statements wie: „Nicht die Rente mit 63 ist das Problem, sondern das allgemein sinkende Rentenniveau“, „Wir lassen uns das nicht länger bieten!“ und „Weg mit der Rente mit 67!“

Wahrscheinlich muss alles das sein bei einer Kundgebung zum 1. Mai, am Tag der Arbeit. Vielleicht ist es dieser Kundgebung immanent und vom Publikum gewollt, dass man sich spätestens beim Refrain von den „Moorsoldaten“ schlagartig in die Siebziger zurückkatapultiert fühlt.

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Deutlich weniger Besucher als im Vorjahr fanden sich zur heutigen DGB-Maiveranstaltung auf dem Platz der Kulturen ein. Fähnchen- und luftballongeschmückten Gewerkschaftspavillons säumten den Platz, der Integrationsrat war mit einem Stand vertreten: Unna ist und bleibt bUNt.  Von der Bühne herab blickte die Band „Food for Soul“, die das musikalische Rahmenprogramm gestaltete, auf luftig besetzte Holzbänke und hätte mit ihrem sehr schön anzuhörenden Acoustic Pop-Gitarrensound höhere Aufmerksamkeit verdient.

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Klaus Pickshaus von der Vorstandsverwaltung der IG Metall sprach vor seiner übersichtlichen Zuhörerschaft die erwarteten Themen an, vom Publikum mit „Bravo“ und Applaus quittiert. Wichtige Themen, denen leider der konkrete Lokalbezug abging, dabei hätte er sich schon bei manchen Themen angeboten.

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Prekäre Arbeitsverhältnisse: wichtig, sie zu benennen und anzuprangern. Immer mehr Hartz IV-Bezieher, immer mehr Alte mit einer Rente zum Verhungern; gleichzeitig immer mehr Junge, die sich trotz guter und langwieriger Ausbildung über Jahre nur von einem mies bezahlten Zeitvertrag zum nächsten hangeln, ohne Perspektive und Planungssicherheit für die private und berufliche Zukunft.

„8 Millionen Menschen arbeiten im Niedriglohnsektor“, mahnte Klaus Pickshaus. In Unna, so fügte er an, gab es im Jahr 2014 knapp 700 Stromsperren. Nicht in allen Fällen wurde der Strom tatsächlich abgestellt, konkretisierte die Unnaer  Linken-Fraktionschefin Petra Weber dieses Zahl am Rande der Veranstaltung, vielfach blieb es bei der Androhung. Und doch liefen 700 Unnaer Haushalte im vergangenen Jahr reelle Gefahr, dass ihnen der Saft abgedreht wurde und sie im Dunkeln saßen.

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Für linke und im Ursprung sozial(-demokratische) Gesinnungen sind solche Zahlen natürlich ein No-Go. Petra Weber (und mit ihr das Gros des gewerkschafts- und SPD-lastigen Publikums) fand Pickshaus´ Rede denn auch „gut und sehr wichtig“: Wichtig sei es schon, solche Themen überhaupt so deutlich beim Namen zu nennen.

Gleichwohl hätten sich konkrete lokale Bezüge an diesem Maifeiertag geradezu aufgedrängt: Die Tafel, die momentan jede Woche 100 neue Bedürftige an zehn Ausgabestellen kreisweit mit Lebensmitteln versorgt, hat in Unna immer noch keine neue Bleibe gefunden; und die Werkstatt im Kreis Unna, die in Steinwurfweite von der Bühne entfernt in den Räumen ihres Kollegs eine lecker bestückte Kaffeetafel aufgebaut hatte, weiß immer noch nicht, wer für die von der Stadt Unna gestrichene Förderung von 250 000 Euro in die Bresche springt.

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Die äußerst wohlschmeckenden Blechkuchen-Variationen hatten übrigens Werkstatt-Teilnehmer in Projektarbeit gebacken, bestätigten Ute Terhalle, Dagmar Bremer und Friederike Bamberg; und sowohl die Kuchenstücke wie auch den Kaffee dazu gab´s zu Preisen, die – ganz ähnlich wie das Lied von den Moorsoldaten – stark an die siebziger Jahre erinnerten: In diesem Fall war der Retro-Effekt natürlich ausschließlich positiv.


 

 

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