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Keine Alternative zu höherem Zuschuss: Lindenbrauerei braucht dauerhaft 70 000 Euro mehr im Jahr

70 000 Euro mehr jedes Jahr aus der Stadtkasse – und die Lindenbrauerei ist auf absehbare Zeit gerettet. Zu dieser – dauerhaft – höheren Subventionierung gibt es keine Alternative, verdeutlichten Geschäftsführung und Trägerverein des Kulturzentrums am Abend im Kulturausschuss.

Somit muss sich die Politik in spätestens neun Wochen darüber klar sein: Wollen wir Unnas (Sozio-)Kultur mit jährlich rund einer Viertelmillion Euro Steuergelder – vielleicht etwas mehr – auf Dauer subventionieren? Die Antwort auf diese Frage, die über den Fortbestand von Unnas Kultur- und Kommunikationszentrum entscheidet, fällt im Kulturausschuss am 17. Februar – bzw. final in der darauf folgenden Ratssitzung.

Die Sitzung des Kulturausschusses am heutigen Abend geriet dank des vorherigen Demo-Aufrufs von Musiker Andy Koch (Rundblick berichtete) zu einer eindrucksvollen Willensbekundung der soziokulturellen Szene. Sogar die Presseplätze waren von Besuchern belagert, die alle die bange Frage – oder auch nur die Neugier – in den Ratssaal getrieben hatte: Wie geht es weiter mit Unnas Kultur- und Kommunikationszentrum? Geht es überhaupt weiter?

Antwort: Es geht weiter.

2015 zunächst mal sowieso. Die Lindenbrauerei startet mit 15 000 Euro Überschuss ins neue Jahr; das ist das Ergebnis beachtlicher Sparbemühungen im eigenen Haus. Der Wirtschaftsplan, den Geschäftsführerin Regina Ranft (mit freilich chaotischen Wirrwarr aus erst zwei, dann plötzlich drei Blättern Tischvorlage) präsentierte, bescheinigt dem Kultur- und Kommunikationszentrum ein extrem sparsames Haushalten.

Satte 80 Prozent der Kosten erwirtschaftet es selbst; im Bundesdurchschnitt üblich sind bei soziokulturellen Zentren vergleichbarer Größe vielleicht 30 Prozent, erkannten SPD und CDU respektvoll an.

Kulturausschuss Lindenbrauerei

Wirtschaftsprüfer Rainer Schlief (vorn, 2. v. re.) erläuterte mit Geschäftsführerin Regina Ranft (li.) die finanzielle Situation des Kulturzentrums.

Der momentan 25-prozentige Zuschuss der Stadt liegt zugleich um ca. zehn Prozent unter dem Durchschnitt, erklärte Wirtschaftsprüfer Rainer Schlief, der die Lindenbrauerei – getreu seiner Berufsbezeichnung – wirtschaftlich auf den Zahn gefühlt hatte. Sein Fazit zunächst für den Jahresabschluss 2014: „Die in diesem Jahr ergriffenen Sparmaßnahmen reichen für einen positiven Start ins Jahr 2015 aus. Die Situation hat sich stabilisiert.“

Wieso braucht die Lindenbrauerei dennoch dauerhaft mehr Geld? Weil es, brachte es Michael Sacher für die Grünen auf den Nenner, „strukturell unterfinanziert ist, das ist zumindest mir aber nicht neu.“ Strukturell minderfinanziert ist das Zentrum, weil sich, so erklärten Ranft und Schlief unisono, das Ausgeh- und Freizeitverhalten der früheren Zielgruppe radikal geändert hat.

Das Einzige, was seit der Gründung des soziokulturellen Zentrums 1991 jemals nennenswert Geld in die Kasse spülte, waren immer die Jugenddiscos, erinnerten Geschäftsführerin und Wirtschaftsprüfer. Diese über Jahrzehnte sprudelnde Einnahmequelle ist seit einigen Jahren fast komplett versiegt und ausgetrocknet.

„Heutige Jugendliche bleiben zu Hause“, sprach Wirtschaftsprüfer Schlief das erwiesene Phänomen des „Cocooning“ an – man spinnt sich zu Hause in seinen Kokon ein und kommuniziert vorzugsweise über soziale Netzwerke.

Kulturzentrum Disco

Discos im Kühlschiff wurden früher überrannt von Jugendlichen. Das war das Einzige, was Jahrzehnte Geld in die Kasse spülte. Heute pflegen die Jungen „cocooning“ zu Hause mit i-Phone und Tablet. Abgezappelt wird wenn, dann von der „Oldie“-Generation.

Man geht als Jugendlicher heute jedenfalls nicht mehr ins Kühlschiff zum Abzappeln, das sieht jeder jedes Wochenende mit eigenen Augen, auch ohne dafür extra Wirtschaftsprüfer sein zu müssen. Die Stammbelegschaft der „Linde“ verzichtet schon seit Jahren auf Lohnerhöhungen,  erinnerte Rainer Schlief an ein ebenfalls bekanntes Faktum. „Sie hat ihren Beitrag zur Konsolidierung geleistet.“ Applaus von den vollen Besucherrängen.

An der Preisgestaltung gibt´s auch nur begrenzt was zu drehen, da teure Preise nicht mit Soziokultur zusammengehen. Sparen um jeden Preis birgt wiederum die Gefahr, die Besonderheiten der Lindenbrauerei zu zerstören: „Das Lindenbier ist im Einkauf doppelt so teuer wie normales„, gab der Wirtschaftsprüfer zu bedenken. „Ersetzt man es aber durch normales, beraubt man sich einer Besonderheit, eines Alleinstellungsmerkmals.“

Im Maximum 70 000 Euro jährlich obendraufsatteln: Darum geht es in der entscheidenden Kulturausschusssitzung am 17. Februar sowie schon vorab am 20. Januar, wenn sich der Kulturausschuss und der interfraktionelle Arbeitskreis Kultur nochmals in die Zahlen des Wirtschaftsplans vertiefen. Ohne Diskussion wurden die fraglichen 70 000 Euro unter Vorbehalt i den Haushalt 2015 eingestellt – die einzige Einschränkung kam von Rudolf Fröhlich (CDU), der mahnte: „Dieses Geld darf dann ausschließlich aus dem Kulturetat kommen.“ Also nicht „zweckentfremdet“ bzw. umgeleitet werden aus anderen Haushaltstöpfen.

Kulturdezernent Uwe Kornatz beendete diesen mit großen Abstand wichtigsten Tagesordnungspunkt mit dem denkbar größten Kompliment an  Geschäftsführung und Team der Lindenbrauerei: „Eine wirtschaftlichere Führung als diese – durch bürgerschaftliches Engagement – kann ich mir nicht vorstellen.“ Prasselnder Beifall als Antwort.

Die erstmals von Ingrid Kroll (SPD) geleitete Sitzung begann noch einmal mit einer Schweigeminute. Denn den vorangegangenen Kulturausschuss hatte – noch am Vorabend seines Todes – der jahrzehntelange Vorsitzende Michael Hoffmann geleitet.

 

Kommentare (3)

  • Margarethe Strathoff

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    welche Jugend-Disco? Auch wir haben ja heute gelernt „Jugendliche bis 28 Jahre“! Ich würde mich sehr freuen, wenn Jugendliche ab 12 – 18 Jahre mal einen Disco-Treff hätten.. Wo in Unna? Ok, ich weiß, diese bringen das große Geld nicht, für mich aber SOZIO-Kultur. Dafür spende ich gerne. Wie wäre es denn jeden Donnerstag einmal im Monat! Ein Anfang, der zwar was kostet – aber das finanzieren wir ja aus dem Sozio-Kulturellen-Bereich mit unserem Linden-Bier 😉 Glück Auf

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  • Jessika

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    Da ist sich die Groko aber wieder einig. Klang das Anfang 2014 nicht noch ganz anders ? Da stritt man sich um den Preis der Kultur, den man sich noch leisten könne… Zuschüsse ? Lieber nicht. Und nun ? Grundsätzlich keine Zuschusserhöhung für niemand nach der Haushaltsberatung. Und dann ist man sich innerhalb einer Sitzung plötzlich einig, mal eben so 70.000€ zu reservieren ?!? Woher der plötzliche Geldsegen ? Ich kann Euch nicht mehr ernst nehmen. Welchen Weichspüler habt Ihr getrunken ?!?

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  • Markus

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    Zitat:““Heutige Jugendliche bleiben zu Hause”, sprach Wirtschaftsprüfer Schlief das erwiesene Phänomen des “Cocooning” an – man spinnt sich zu Hause in seinen Kokon ein und kommuniziert vorzugsweise über soziale Netzwerke.“

    Der Herr hat schlicht und ergreifen absolut null Ahnung von unserer Jugend.
    Stammtischgelaber Herr Schlief.

    Unsere Jugend ist heute extrem vielfältiger. Die sozialen Medien ermöglichen Heute ein weit aus vielfältigeres Freizeitverhalten.

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