Rundblick-Unna » Kahlschlag an Friedrich-Ebert-Straße abgewiesen: Anwohner will Fällung aller Kastanien – Sorge nach Baumsturz durch Sturm Niklas

Kahlschlag an Friedrich-Ebert-Straße abgewiesen: Anwohner will Fällung aller Kastanien – Sorge nach Baumsturz durch Sturm Niklas

Sämtliche uralten Kastanien an der Friedrich-Ebert-Straße fällen und durch Neuanpflanzungen ersetzen: Nicht weniger als den totalen Kahlschlag entlang Königsborns „Prachtallee“ fordert ein Anwohner per Antrag an die Stadt. Im Umweltausschuss ist das Begehr am Abend einstimmig abgewiesen worden. Ebenso die spezielle Forderung des Villeneigentümers, dass insbesondere die beiden (riesigen) Kastanien direkt vor seiner Villa bzw. vor dem Nachbarhaus der Säge zum Opfer fallen sollen.

Beides, sowohl das Fällen dieser beiden Baumriesen wie auch – vor allem – der rein präventive Totalkahlschlag wäre aus Sicht von Politik, Stadtumweltamt und Baumgutachter unverhältnismäßig. Die Sorge, die den Villeneigentümer laut seines Antrags treibt, nimmt die Politik durchaus Ernst: Wie kann man Vorsorge treffen, dass beim nächsten Sturm nicht wieder solche Riesenbäume umkippen und Menschen unter sich begraben? An jenem schlimmen 31. März hatte Sturmtief Niklas die 100 Jahre alte Kastanie vor de Café Koch mitsamt Wurzelballen wie ein Streichholz umgeknickt, und der stürzende Baumriese begrub einen 50jährigen Rollerfahrer unter sich. Der Mann hat schwere Kopfverletzungen davongetragen.

Burkhard Wöstefeld Baumgutacher

Burkhard Wöstefeld, zertifizierter Baumkontrolleur und Baumgutachter, trug in der Sitzung das Ergebnis seiner Untersuchungen an der umgestürzten Kastanie vor. Aus seiner fachlichen Sicht war einfach der schwere Sturm die Ursache dafür, dass der Baum umkippte. Es sei nun einmal ein außergewöhnlich heftiger Sturm gewesen.

Zwar hätten die Untersuchungen an der über 100 Jahre alten Kastanie auch „Morschungen im Wurzelbereich“ ergeben. Aber eben unter der Erde, erst unter 30 cm Bodenniveau. „Diese Schäden waren von außen nicht erkennbar“, unterstrich Wöstefeld, dass der Stadt bzw. den Stadtbetrieben diesbezüglich kein Versäumnis vorzuwerfen sei.

Der Gutachter erklärte, dass alle Stadtbäume regelmäßig von den Stadtbetrieben Unna begutachtet werden. Das geschehe durch visuelle Kontrolle, also durch prüfendes Sichten des Stammes und der Krone. „Ergeben sich durch die Sichtung Auffälligkeiten oder Schäden, geht es in die zweite Prüfung“, schilderte Wöstefeld das Procedere: Der Baum werde z. B. mit einem Schalltomographen untersucht. „Aber eben erst dann, wenn er von außen auffällig ist.“

Kastanie Friedrich Ebert STr

Nach visueller Sichtung unauffällig. Keine Fällung dieser enormen Kastanie vor Haus Nr 45.

Die Kastanien vor bzw. neben dem Haus des Fällungs-Antragstellers seien diesbezüglich begutachtet und für unauffällig befunden worden. „Ich werde dem Ausschuss deshalb vorschlagen, den Antrag auf Fällung in beiden Punkten abzuweisen“, unterstrich Umweltamtsleiter Dr. Joachim Schmidt seine Überzeugung, dass man mit einem „vorsorglichen Kahlschlag“ mit Kanonen auf Spatzen schieße. Ebenso ablehnend stand der Ausschuss einer Überlegung von SPD-Chef Volker König gegenüber: Da sich Straßenbäume, wie der Gutachter ausgeführt hatte, irgendwann  altersmäßig naturgemäß ihrem Ende nähern, könne man sie dann doch regelmäßig nach einer gewissen Zeit fällen und durch neue ersetzen. Burkhard Wöstefeld wehrte unwillig ab. „Wo ziehe ich denn beim Alter eine Grenze? Wir sprechen über Natur! Über Lebensbäume! Nicht über Sachen. So sehe ich das.“

So sahen das auch die Grünen, dessen Ratsherr Björn Merkord die Sitzung leitete, so sah das aber ebenso die CDU: „Nach welchen Kriterien sollten wir solche Fällungen denn vornehmen?“, schüttelte Rolf Beyersdorf den Kopf. Und sein Parteifreund Bernhard Albers erinnerte an die außergewöhnliche Heftigkeit und Lokalität jenes Sturms am 31. März: Niklas habe an jenem Vormittag mit bis zu 120 Stundenkilometern über Unna getobt. Aber eben nur über Unna so heftig. „Gleichzeitig kam  der Wind von Nordwest, das ist ebenfalls ungewöhnlich“, erklärte der Landwirt. „Normalerweise kommt er eher aus südwestlicher oder südöstlicher Richtung.“ Seine pragmatische, unaufgeregte Sichtweise für die CDU: „Mit solchen Naturphänomenen muss man leben. Es gibt nicht für alles Garantien und Schutz.“

Kastanie Ebert-Str

Diese Kastanie – vor Nr. 39 – ist krank. Umweltamtsleiter Dr. Joachim Schmidt schlägt die Fällung vor. Der Ausschuss folgte ihm.

Piraten-Fraktionschef Christoph Tetzner schlug dann noch vor, man könne doch die sehr alten Bäume – wie die Kastanien an der Friedrich-Ebert-Straße – zusätzlich zur Sichtkontrolle regelmäßig aufwändiger mit Schalltomgrafie o. ä. untersuchen. Die Anregung wird mitgenommen.

– Lesen Sie dazu auch unseren zweiten Beitrag zum Thema: „Wieso kippte Niklas eigentlich nur diesen einzigen Baum…?“

 

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