Rundblick-Unna » „Jetzt kümmere dich mal um Massen!“

„Jetzt kümmere dich mal um Massen!“

Er ist Kreisheimatpfleger, Heimatgebietsleiter Hellweg, Fachbereichsleiter Geschichte beim Westfälischen Heimatbund, Bundes-Kulturwart beim deutschen Wanderverband und Hauptkulturwart beim Sauerländischen Gebirgsverein. Als Vorsitzender des Historischen Vereins Kreis Unna gibt er gleichzeitig die Unnaer Stadtgeschichte heraus, verdient sich, ganz nebenbei, hauptberuflich sein Geld als freier Journalist und Autor… und zusätzlich hat Dr. Peter Kracht jetzt noch das (Ehren-) Amt des Massener Ortsvorstehers übernommen. Wir trafen „Pit“ zum netten Plausch mit seiner Frau Gudrun Friese-Kracht bei Kaffee und Plätzchen im Wohnzimmer an der Handwerkstraße.

Ein Wust von Ehrenämtern und „.. mal-so-nebenher“-Aufgaben zusätzlich zum Vollzeitberuf und nebenberuflichen Autorentätigkeit. Wieso bürden Sie sich jetzt noch den Ortsvorsteher auf? Ist Pit Kracht wirklich so ein Arbeitstier?

Dr. Peter Kracht: (lacht) Stimmt schon, ich habe derzeit ziemlich viel um die Ohren. Am Ortsvorsteher jetzt ist aber letztlich meine Frau schuld.

Gudrun Friese-Kracht: Ja, allerdings! Ich habe vor der Kommunalwahl schon gesagt: Um alles mögliche kümmerst du dich, jetzt kümmere dich mal um Massen! (Beide lachen)

Pit Kracht: Gudrun lebt seit 1969 in Massen. Ich seit 1982, immerhin. Da wurde es langsam Zeit.

Politische Vorerfahrung haben Sie ja durchaus… durch Ihren früheren Beruf.

Pit Kracht: Stimmt, ich war viele Jahre leitender politischer Tageszeitungsredakteur. Das schult natürlich auch.

Ortsvorsteher ohne ein Ratsmandat – ein Novum in Unna. Sehen Sie es eher als Vor- oder als Nachteil an, nicht aktiv in die Lokalpolitik eingebunden zu sein?

Pit Kracht: Eine Ratskandidatur kam für mich nie in Frage. Ich bin zwar seit 2002 in der SPD, aber die Ratsarbeit macht bei uns Gudrun. Einer in der Familie reicht. (schmunzelt).

Gudrun Friese-Kracht: Die Position des Ortsvorstehers wurde ja frei, weil Helmut Tewes – nach den vielen Jahrzehnten, in denen er es hervorragend gemacht hat – verständlicherweise nicht noch ein weiteres Mal kandidieren wollte. Im Ortsverein stellte sich also die Frage: Wer will, wer kann (!) es machen? Aus den Reihen der Ratskandidaten drängte sich niemand auf… (an ihren Mann gewandt) Du hast die Kontakte, kennst alle und jeden. Du hast auch schon vor 2000 Leuten geredet…

Pit Kracht: (in Erinnerung schmunzelnd) Eine Totenrede in der Nähe von Aschaffenburg. Ich hielt sie zum Totengedenken des Spessart-Bundes auf einem wackligen Anhänger. Als Bundeskulturwart hielt ich diese Rede. Das vergesse ich nie.

Gudrun Friese-Kracht: Ich hätte schon zwei Nächte vorher nicht mehr geschlafen.

Pit Kracht: Im Vorfeld der Wahl zum Ortsvorsteher habe ich mich schon ein bisschen umgehört; ich habe mit fünf, sechs Leuten zu tun, die alle Ortvorsteher sind, auch einen parteilosen in Sundern. In den Gesprächen habe ich ein ganz gutes Bild davon bekommen, was auf mich zukommt.

Was will Ortsvorsteher Dr. Kracht für Massen erreichen? Wo soll sich der immerhin zweitgrößte Stadtteil von Unna hinentwickeln, was kann Massen weiter nach vorn bringen?

Pit Kracht: Die grundsätzlichen Themen sind eigentlich überall gleich: Was passiert in der Nachbarschaft, was liegt den Bürgern schwer im Magen? Meinen Einsatz sehe ich dort, wo die Bürger sich bei der Politik und der Verwaltung nicht richtig aufgehoben fühlen. Die allgemeine Lebensqualität zu erhöhen, kleine und große Sorgen wahrzunehmen, ernst zu nehmen und weiterzugeben: Hier sehe ich meine Aufgabe.

Sind gerade konkrete Missstände zu benennen?

Pit Kracht: Der Massener Kirchweg fällt mir spontan ein, der muss dringend gemacht werden. Sein Zustand ist inzwischen abenteuerlich. Als Dauerthema natürlich die Landesstelle… und der Flughafen. Ich kann mich aber nun mal nicht aufs Rollfeld stellen und rufen: Ruhe jetzt!

Ruhe herrscht im Moment auch nicht wirklich in und um die Landesstelle. Ihr warnender Hinweis ging ja schon an die Verwaltung: Über 800 Flüchtlinge sind in der früheren Landesstelle inzwischen untergebracht, obgleich die Stadt Unna vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen Recht bekommen hat: Diese Nutzung sei rechtswidrig. Wie lösen Sie diesen Konflikt? Was sagen Sie den Bürgern nahe der Landesstelle, die die Sorge vor zunehmenden Unruhen bewegt?

Pit Kracht: Mich haben bereits Bürger mit dieser Sorge angerufen. Aber sie müssen schon auch mit ihrem Namen geradestehen. Sonst kann ich bei der Verwaltung keine Eingaben machen. Ich kann bei anonymen Informationen auch gegenüber anderen behördlichen Stellen wenig bis nichts bewirken. Von Anwohnern der Landesstelle höre ich aber: Es brodelt.

Gudrun Friese-Kracht: …. was ja auch kein Wunder ist, wenn so viele Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen zusammenleben. Es ist klar, dass es da zu Konflikten kommt. Man kann diese Menschen aber nicht einfach wegschicken. Sie sind nun mal da!

Wohin sollten sie auch geschickt werden? Das Land sucht händeringend weitere Unterbringungsmöglichkeiten, da wird es auf die Landesstelle – ehemalige Landesstelle und jetzt wieder – kaum mittelfristig verzichten können. Eventuell sogar längerfristig nicht.

Pit Kracht: Die Menschen, von denen wir hier reden, sind in ihrer Heimat vom Tod bedroht. Von daher stellt sich für mich auch nicht die Frage: Wie lange bleiben sie und wann sind sie endlich wieder weg. Ich erwarte aber von der zuständigen Bezirksregierung Arnsberg und von der Unnaer Stadtverwaltung Transparenz. Was viele Bürger hier in Massen aufregt, ist nicht der Umstand, dass Flüchtlinge untergebracht werden. Aber man ist nicht informiert. Die Verwaltung sollte Klarheit schaffen, am besten in einer Bürgerversammlung.

Es gab doch früher mal einen Runden Tisch für Massen…?

Pit Kracht: Genau den sollten wir wieder aufleben lassen. Und alle, die das wollen, sollen ausdrücklich dazu eingeladen sein, sich daran zu beteiligen. So bringen wir Massen voran – zusammen!

 

Kommentieren