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Interview mit Ingrid Kroll (SPD): „Kompromisse sind wichtig – aber ich lasse mich nicht verbiegen“

Ein Gespräch mit Ingrid Kroll, 1. stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD und Ortsvereinsvorsitzende in Unna-Oberstadt.


Frau Kroll, vervollständigen Sie bitte folgenden Satz: „Dass ich momentan die einflussreichste SPD-Frau in Unna bin, erfüllt mich mit….“

Ingrid Kroll: (überrascht, stutzt) Ehrlich gesagt – ich bin gerade sehr verwirrt. Ich habe darüber überhaupt noch nicht nachgedacht.

Aber es stimmt, oder? Sie sind die erste Stellvertreterin des Fraktionsvorsitzenden, sie leiten mit Unna-Oberstadt den größten SPD-Ortsverein, sie sind Ortvorsteherin von Oberstadt. Und dazu haben in Michael Hoffmanns Nachfolge den Kulturausschussvorsitz übernommen, der sich gerade mit der Zukunft der Lindenbrauerei beschäftigten muss – ein höchst komplexes und heikles Thema…

Ingrid Kroll: (nach kurzem Überlegen) Ja, wenn man das so sieht, stimmt das wohl mit dem Einfluss. Ich habe aber alle meine Mandate über die Partei – und somit über die Bürger, die mich als Kandidatin der SPD gewählt haben. Den Bürgern und der Partei fühle ich mich mit allen meinen politischen Handlungen verpflichtet, von daher hat mich Ihre Eingangsfrage zuerst irritiert.

Momentan ballen sich die großen Themen konzentriert in Oberstadt: Die Fußgängerzone – die saniert werden soll / muss; das Bornekampbad – das für ein neues Kinderbecken irgendwie 60 000 Euro auftreiben muss. Und dann ist da die Lindenbrauerei, für die die Stadt künftig 269 000 Euro zahlen soll, 70 000 mehr als bisher. Ist soviel Geld gerechtfertigt?

Ingrid Kroll: Die Lindenbrauerei ist ein ganz präsentes und brisantes Thema. An die Zuschussfrage kann man nicht mit Bauchgefühl gehen. Wir haben Beschlüsse gefasst und uns an Gesetze zu halten. Wir haben es hier mit Geld – viel Geld! – der Steuerzahler zu tun. Damit müssen wir verantwortungsvoll umgehen.

Kulturzentrum Lindenbrauerei

Zuschussfrage Lindenbrauerei – Thema am kommenden Dienstag, 27. 1.: Wo liegt die Schmerzgrenze, die die Politik den Steuerzahlern zumuten darf?

 

Am kommenden Dienstag, am 27. Januar, wird der interfraktionelle Arbeitskreises Kultur die Zuschussfrage beraten. Wo sehen Sie die Schmerzgrenzen der Subventionierung?

Ingrid Kroll: Was oft vergessen wird: Die Lindenbrauerei hat ja schon erhebliches zusätzliches Geld aus dem Haushalt bekommen. Im vorigen Jahr 75000 Euro und im Jahr davor sogar 200 000 Euro, um die Insolvenz abzuwenden. Die Verwaltung hat uns einen Betrauungsakt empfohlen…

Erklären Sie.

Ingrid Kroll: Das, was man an Zuschuss gibt, soll für den kulturellen Zweckbetrieb sein. Die Gastronomie ist die andere Sparte. Deswegen ist eine Spartenrechnung erforderlich, die diese Bereiche sauber aufgeschlüsselt trennt. Das ist eine Vorgabe nach der EU-Beihilfeordnung. Ich stelle diese Forderung ja nicht aus Böswilligkeit.

Inrgrid Kroll

„Es gibt Richtlinien, es gibt Beschlüsse. An die müssen wir uns halten.“

 

Ihre Erwartungen an die Lindenbrauerei-Geschäftsführung?

Ingrid Kroll: Ich erwarte, dass die erforderlichen Unterlagen vorgelegt werden und wir fair diskutieren können. Ich bin wirklich ein Vereinsmensch. Aber gerade durch die Vielfalt in unserer Stadt sind wir allen Kulturschaffenden verpflichtet – und jedem Verein. Wir können nicht willkürlich einzelne bevorzugen. Alle Vereine brauchen Geld – der fürs Bornekampbad, das BB´chen, sammelt Spenden für ein neues Kinderbecken…

… oder das Bibliotheksteam des ZIB, das vor Weihnachten einen Bücherspendenbaum aufstellte…

Ingrid Kroll: Wir müssen die Gelder einfach gerecht verteilen. Ich bin seit über zehn Jahren selbst Mitglied im Trägerverein der Lindenbrauerei. In vielen weiteren auch noch. Weil ich sie unterstützen möchte.

Fußgängerzone Bahnhofstraße

Sanierungsfall Fußgängerzone: Nur mit Fördergeldern machbar.

 

Ich springe mal. Frau Kroll, haben Sie sich in der Fußgängerzone schon einmal einen Absatz abgebrochen?

Ingrid Kroll: Allerdings! Ich trage gerne Kleider, und ich trage gerne Schuhe mit Absatz. Und regelmäßig bleibe ich irgendwo im Kopfsteinpflaster hängen. Vor einigen Jahren schon – ich hatte gerade meine Schuhe vom Schuster geholt. Abends angezogen und auf dem Weg zum Museum gleich wieder den Absatz ramponiert. Das sieht nicht nur nicht toll aus. Es ist ja auch schmerzhaft, wenn man mit dem Schuh hängenbleibt und umknickt. Es sind nicht nur die Menschen mit den Rollatoren – diese in jedem Fall auch. Aber das schlechte Pflaster ist eben nicht nur für Ältere problematisch.

Die Stadtverwaltung prüft in diesem Jahr abschnittsweise den Zustand der Bummelzone. Ihr Prioritätenvorschlag für die Sanierung?

Ingrid Kroll: Den Beginn macht die Massener Straße. Dafür laufen schon die Förderanträge. Das Pflaster auf der Massener Straße ist einfach am sanierungsbedürftigsten. Die Gerhart-Hauptmann-Straße, die Wasserstraße… vor allem das Stück zwischen Marktplatz und Hertingerstraße zum Fässchen hinüber.

Seniorentreff fässchen

Zwischen Altem Markt und Fässchen birgt das (kleine) Kopfsteinpflaster besondere Tücken – nicht nur, aber gerade auch für die ältere Klientel des Seniorentreffs.

Zum Seniorentreff Fässchen hin – da dürfte doch noch nicht mal die CDU dagegen sein…?

Ingrid Kroll (amüsiert) Och… das weiß ich nicht, ob die CDU dagegen ist. Die älteren Leute müssen jedenfalls über dieses ganz kleine Kopfsteinpflaster, sehr hoppelig… die werden nicht mit dem Hubschrauber zum Fässchen gebracht.

Eine persönliche Frage, Frau Kroll… was geht Ihnen durch den Sinn, wenn Sie an Michael Hoffmann denken?

Ingrid Kroll: (nachdenklich innehaltend) Dass er mir – ganz unabhängig von der Politik – als Freund sehr fehlt. Er war immer ein absolut ehrlicher, aufrichtiger Berater. Auch privat.

Michael Hoffmann wirkte in der politischen Arbeit eher bauchgesteuert und nicht immer diplomatisch. Sie machen einen eher harmoniebedürftigen Eindruck.

Ingrid Kroll: Ich suche den Ausgleich und versuche, mit Argumenten zu überzeugen. Ich lasse mich aber nicht verbiegen. Ich gehe keinem Streit aus dem Weg, der nötig ist. Positivem Streit, der zu einem Ergebnis führt. Ich bin übrigens auch der Typ, der sich für Fehler entschuldigt. Wäre ich ohne Fehler, stünde ich im Museum und alle müssten Eintritt zahlen.

Zuletzt etwas, was mich zu Beginn unseres Gesprächs doch ziemlich überrascht hat: Sie sagten mir, Sie hätten noch nie zuvor ein Interview gegeben?

Ingrid Kroll: (lächelt) Ja, stimmt. Ich dränge mich nicht in den Vordergrund.

Wollen Sie als einflussreichste Frau der Unnaer SPD nicht langsam damit anfangen?

Ingrid Kroll (ruhig, sicher) Ich weiß, was ich für die Bürger tue, und die Betroffenen wissen es auch. Ich gehe damit nicht hausieren. Und damit fange ich – ungeachtet von Ämtern – auch nicht an.

Ingrid Kroll, SPD

 

 

Kommentare (5)

  • Manfred Hartmann

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    Die Rede über „einflußreichste Frau“ viel zu personenzentriert. Und mir scheint, sie will das auch nicht. Poltik ist mehr als die Fixierung auf Einzelgesichter. Wir brauchen breite Bürgerbeteiligung viel mehr als Stilisierung zur lokalen Prominenz. Viel wichtiger ist, das sich viele Leute einbringen. Und die Gesichter einer Mitelstadt kennt man dann eh bald.

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  • Christel

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    Manche Aussagen sind schon heftig. Da interessieren Absätze mehr als barrierefreies Gehen. Gesichter ? Neue wären ja auch mal nett und nicht immer dieselben alten. Der eine SPD Mann will mehr für die Linde, die andere SPD Frau erstmal nicht. Und die CDU Sparfüchse können eigentlich nur DAGEGEN sein. Haben ja auch kräftig Wahlkampf GEGEN die Kultur gemacht.

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  • Margarethe Strathoff

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    ich finde das Interview super und finde auch, dass die Bürger ein Bild von unseren Stadträten/Politiker haben sollten. Schließlich sollte auch jeder Ortsvorsteher bekannt sein, wenn ein Bürger mit seinem Anliegen in dessen Bürgerstunde erscheint. Aber ich gehe davon aus, dass der Unnaer seine gewählten Ratsvertreter kennt und auch über seine politische Einstellung informiert werden sollte bzw. sich diese öffentlich zu eigen machen kann. Mich interessiert es sehr, wie meine gewählten Personen/Parteien politisch agieren. Nur so kann ich feststellen, ob sie auch mit meiner politischen/gesellschaftlichen Einstellung passen. Auch dürfen Politiker/Ratsmitglieder selbstständig entscheiden und unterliegen nicht nur einem Fraktionszwang. Demokratie ist langwierig und bitte schön auch streitbar! Jedem Politiker/Ratsmitglied steht es frei, sich „einzubringen“ und wie ich es auch erwarte, im Sinne der Bürgerschaft zu handeln. Und hierzu gehören auch unterschiedliche Meinungen. Hätten wir diese nicht, könnten abnickende „Püppchen“ den Ratssaal bestücken 😉 und zum Thema Fußgängerzone: Ich habe bereits eine anständige Liste von Leuten, die den schlechten Zustand einzelner Straßenabschnitte beklagen und auch gestolpert sind. Von meinen Absätzen möchte ich erst gar nichts mehr sagen…. es ärgert mich maaslos, da es ja eigentlich nicht sein muß. Vielleicht hat Herr Morgenthal von der CDU einen besseren Vorschlag.

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  • Christel

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    Maaslos ?!? Wer ist denn mit Püppchen gemeint ? Die kenne ich nur aus der Spielecke eines Kindergartens.

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  • Helga & Karl Hartmann

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    Professionell und Taff, so kennen wir Ingrid Kroll. Ein gutes Interview bei dem sie die Aufgaben und Projekte auf den Punkt bringt. Zusammen mit Michael Hoffmann war der Bereich Kultur in Unna hervorragend besetzt, aber auch als stellvertretende Fraktionsvorsitzende wird Sie mir Volker König an der Spitze einen guten Job machen. Michael Hoffmann hat at hock aus dem Bauch heraus entschieden und dabei wertvolle Arbeit für Unna geleistet, denn nicht wie entschieden wird ist wichtig, sondern was am Schluss dabei heraus kommt und das war bei Michael immer super. Er fehlt uns sehr, aber das Leben geht weiter und die Besetzung der SPD-Spitze ist gut gewählt.
    Ingrid Kroll hat mit diesem Interview gezeigt, wie flexibel sie ist, das Ihr Kunst und Kultur am Herzen liegen. Für den weiteren Weg wünschen wir Ihr viel Erfolg und Kraft, alles Gute von Karl & Helga Hartmann.

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