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Interview: „Die Eishalle ist Unnas einziges Jugendzentrum“

Unnas Eissporthalle ist auf Schlingerkurs geraten. Über 2 Mio. Euro Sanierungskosten müssten nach den frisch vorliegenden Ergebnissen der Bausubstanz-Untersuchung mittel- und längerfristig in die Halle gesteckt werden – schwindelerregende Summen. Nun bangen Eissportvereine, Jugendliche, die Pächterfamilie und durchschnittlich 100 000 Besucher im Jahr um den Fortbestand der beliebten Freizeitstätte, die für Unnas Jugend weit größere Bedeutung hat als bloß eine Eissporthalle zu sein. „Wir sind Unnas einziges Jugend- und Familienzentrum“, betont das Pächter-Ehepaar Silvia und Uwe Kuchnia.

Frau Kuchnia, Ihre Eissporthalle ist laut dieser frisch vorliegenden Bausubstanz-Untersuchung offenbar vom Keller bis zum Dach ein Sanierungsfall. Dach, Fenster, Lüftung, Elektro, Sanitäreinrichtungen – es gilt die Devise: Alles muss raus. Alles muss neu. Sitzen Sie hier in einem Fass ohne Boden?

Silvia Kuchnia: Das Ergebnis dieser Untersuchung hat uns wirklich umgehauen. Unsere Eishalle ein Totalsanierungsfall?! Schwachsinn! Es ist klar, dass an einem 40 Jahre alten Gebäude immer wieder Reparturen anstehen. Man wird nie fertig, muss immer dranbleiben. Das weiß jeder, der ein älteres Haus besitzt. Man ist irgendwo fertig und fängt gleich wieder irgendwo anders an. Aber mir ist völlig schleierhaft, wie diese Gutachter – wir haben übrigens nie einen Gutachter in den letzten Monaten hier in der Halle zu Gesicht bekommen – zu derartigen Summen kommen. Das besagte Gutachten ist von 2004 und völlig überholt.

Sanierungen für 223 000 Euro während der fünf Jahre, in denen Ihr Pachtvertrag noch läuft; ab 2020 dann „mittel- und längerfristig“ – das ist zugegeben schwammig ausgedrückt – weitere Sanierungen für 1,8 Millionen. Eine rhetorische Frage, ob Sie die Halle mit einer derartigen Hypothek über 2020 hinaus weiterführen könnten…?

Silvia Kuchnia: Das wäre unser Aus, ich sage es ganz deutlich. Aber wie kommt man zu solchen Summen? Dies ist eine Eissporthalle, sie ist 40 Jahre alt. Sie ist zweckmäßig, sie ist funktional, aber sie erfüllt eben ihren Zweck. Hier fällt weder Putz von den Wänden, noch ist das Dach undicht. Wir brauchen keine Villa, uns reicht ein Einfamilienhaus.

Mit „wir“ meinen Sie Ihre Familie…?

Uwe Kuchnia: … und die Jugendlichen, die hierher kommen. Für die bedeutet diese Halle weit mehr als nur Eislaufen zu können.

Haben Sie denn als Pächter die Halle so vernachlässigt, dass es jetzt plötzlich zu einem derartigen Sanierungsstau kommt? Hat die Stadt bzw. haben die Wirtschaftsbetriebe Unna notwendige Instandsetzungen – ich drücke es mal flapsig aus – verpennt?

Silvia und Uwe Kuchnia: Genau diese Frage gibt uns ja jetzt Rätsel auf. Seit wir die Halle im Jahr 2002 übernommen haben, sind rund 2 Mio. Euro von uns in Reparaturen geflossen. Allein für 200 000 Euro wurde das Dach gemacht. Wir selbst haben laufend eigenes Geld und unseren eigenen Arbeitseinsatz in die Halle gesteckt. Und wie schon erwähnt, das besagte Gutachten der Stadt ist aus dem Jahre 2004 und scheinbar ohne die bisherigen Investitionen mit einzuberechnen.

Silvia Kuchnia: Mein Mann hat mit Hilfe unserer beiden erwachsenen Söhne vor zwei Jahren den kompletten Toilettenbereich neu gefliest. Er legte die Fliesen, ich habe alles gesäubert. Wir haben Alu-Urinalbecken angeschafft. Alles ist zweckmäßig. Der Gummiboden – der beim Brand 2009 komplett zerstört wurde – ist komplett neu, er ist total robust und hält was aus. Klar, er wird grau. Aber glauben Sie, das interessiert die Jugendlichen? Die kommen hierher, um Spaß zu haben, sich zu treffen, um Eis zu laufen.

Uwe Kuchnia: Die Eisaufbereitungsanlage wurde 2003 ebenfalls für 120 000 Euro von uns erneuert. Alle 5 Jahre wird das Herzstück der Kälteanlage, die Verdichter, für 50.000 € generalüberholt. Regelmäßiger TÜV, Wartung etc. wird alles von uns gemacht.

Machen Sie sich die Taschen voll? Ich frage mal gezielt provokativ.

Uwe Kuchnia: Ich fahre ein amerikanisches Auto, einen Chevrolet Camaro. Dafür muss ich mich nicht rechtfertigen. Wir werden manchmal belächelt dafür, dass wir derart reinhängen, 17 Stunden an sieben Tage in der Woche. Ich zahle mir als Geschäftsführer dafür nicht mehr, als ein Fachangestellter für eine 35-Stunden Woche erhält. An Miete zahlt die Ice and Fun 40 000 Euro an die Wirtschaftsbetriebe und bekommt 25 000 Euro an Entschädigung dafür, dass sie die eisfreie Zeit nicht wirtschaftlich nutzen darf. Reich wird man von alldem nicht!

Silvia Kuchnia: Die Stadt kann und sollte doch froh sein, solche Pächter zu haben, die ihr ein Stück Sozial- und Öffentlichkeitsarbeit abnimmt.

Fühlen Sie sich von der Stadt und von der Kommunalpolitik unterstützt? Oder glauben Sie, man lässt Sie im Regen stehen?

Silvia Kuchnia: Wenn man Dinge, die einen ganz persönlich betreffen, aus den Medien erfährt, ist das nicht schön. Wir haben zwei offene Gespräche mit Bürgermeister Werner Kolter geführt; er versprach, das zu ändern. Die Parteien unterstützen uns, glaube ich, alle. Michael Hoffmann hat für die SPD ja erst gestern versichert, dass er diese horrenden Sanierungskosten nachprüfen lassen wird. 2007 hat das ja auch schon mal so funktioniert. Außer der FDP waren alle Parteien, die im Rat vertreten sind, hier. Wir haben allen die Halle gezeigt. Alle kamen zum gleichen Schluss: Die Halle ist gepflegt. Klar, 40 Jahre alt! Vergleichbar mit einem Haus von 1920.

Uwe Kuchnia: Ins Hallenbad am Bergenkamp ist auch ordentlich Geld geflossen. Darüber spricht niemand. Für 10 Mio. hat sich Unna Kunstrasenplätze geleistet.

Eishalle Pächter Kuchnia

„Wir leisten in der Eishalle eine ganz wichtige soziale und integrative Arbeit.“ Das Pächter-Ehepaar Silvia und Uwe Kuchnia setzt auf die Unterstützung der Verwaltung und der Politik. „Wo sollen Unnas Jugendliche sonst noch hin?“

Silvia Kuchnia: Man kann als Stadt nicht eine einzelne Sportart wie den Fußball derart bevorzugen. Ich finde das nicht in Ordnung. Das Millionen teuere Sportstadion, das gerade im Unnaer Süden gebaut wird, steht den Jugendlichen später ja auch nicht öffentlich zur Verfügung. Es gibt für die Jugendlichen praktisch keine Möglichkeit mehr, sich zu treffen. In Königsborn gibt es das evangelische Jugendheim – aber dort treffen sich doch keine Jugendlichen aus Massen oder aus Unna-Mitte. Hier bei uns in der Eishalle trifft sich alles. Sämtliche Nationalitäten, und es funktioniert. Muslimische Jugendliche haben die Möglichkeit, in einem Raum zu beten. Wir hatten noch nie Prügeleien. Es gibt strikt keinen Alkohol für Minderjährige – auch Bier grundsätzlich erst ab 18. Und wer mal nicht zahlen kann – was vorkommt – bringt sich eben anderweitig ein und fegt die Halle. Die Jugendlichen akzeptieren unsere Regeln. Wir leisten eine ganz wichtige integrative Arbeit.

Uwe Kuchnia: Wenn hier auch noch geschlossen ist, gibt es für Jugendliche gar nichts mehr. Was hat die Stadt Unna Ihren Bürgern und insbesondere ihren jugendlichen Bürgern noch zu bieten?

Bei all diesem Stress und all der vielen Arbeit: Wieso haben Sie nicht schon hingeschmissen?

Uwe Kuchnia: Weil unsere Existenz an der Halle hängt und wir ein Stück weit Idealisten sind.

Silvia Kuchnia: Für die Jugendlichen machen wir das. Die Jugendlichen danken es uns. Wir bekommen jeden Tag so viel zurück. Mit keinem Geld der Welt kann man das bezahlen.

Uwe Kuchnia (lächelnd): Silvia ist die Seelsorgerin für die Kiddis. Die Eishallen-Mama.

Eine verkürzte Fassung des Interviews finden Sie im Novemberheft des Unna-Kamen-Magazins, das in diesen Tagen stadtweit in Unna sowie in Kamen, Bergkamen, Fröndenberg und Holzwickede verteilt wird.

 

Kommentare (8)

  • Michael Feske

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    Bringt man es auf den Punkt und ich glaube das dieses Grundstück eine Belastung für die Stadt bedeutet. Riesig gross könnte es eine menge Geld in die Kasse der Stadt bringen und man hätte diesen Unkosten Klotz vom Hals . Aber wo bleiben die Menschen die diese Art Sport oder Hobby ausführen möchten dann? Hinzu kommen die Menschen , Kinder die ihr Hobby dort im Vereinsleben ausleben ( Eishockey – Eiskunstlauf oder eventuell Eisstock) . Auf der Strasse eventuell ? l Oder sollen sie die Sportart Wechsel und z.B. anfangen Fussball zu spielen ? Nein sie können ja dann nach Hamm oder Soest oder Iserlohn oder Dortmund fahren um dort Eis zu laufen wenn das wiederum Finanziell möglich ist. Aber es wird nur bedeuten das die Jugend auf der Strasse ihre Zeit abhängt oder am Computer ohne sich etwas zu bewegen .

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  • G.Bischoff

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    Die Eishalle ist ein Treffpunkt vieler Generationen und Bevölkerungsschichten.
    In ihr stehen Jung und Alt, Anfänger und Profi, die komplette Familie auf den Eis und drehen ihre Runden. Treffen sich auf einen Kaffee oder Pommes im Bistro.
    Jung und Alt gemeinsam an einem Ort.
    Halbamateur o. Profi (Eishockey etc. ) und der Anfänger an einem Ort.
    Nebeneinander, miteinander.
    Wo gibt es dies noch?

    Sicherlich steht die Stadt sich mit einem Abriss und Neuvermarktung des Geländes finanziell besser da als mit einer Sanierung und weiteren Folgekosten.
    Dies ist aber mit fast jeder Freizeiteinrichtung so.
    Statt Kunstrasenplätze für ca. 10 Millionen Euro hätte man auch Eigenheime dort bauen können.
    Statt Lichtkunstausstellung…Eigenheime auf dem Gelände.

    Pro Eishalle Unna!

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  • G.Bischoff

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    Sämtliche Kunstrasenplätze sind fürs Pöhlen gesperrt. Zutritt nur Vereinssport.
    10 Millionen Euro = Betreten Verboten fürs Volk.
    10 Millionen Euro Stuergelder nur für Vereinsfussballer.
    Vater und Sohn dürfen wo kicken?

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  • Vereinssport

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    Interessant, wie sich das Pächterehepaar hier beweihräuchert. “Wir leisten in der Eishalle eine ganz wichtige soziale und integrative Arbeit.” für nur ein Facharbeitergehalt.
    Die ware Jugend- und Sozialarbeit wird in den Sportvereinen geleistet und zwar ehrenamtlich und unentgeltlich.
    Zur Klarstellung. Die Sportanlage Unna-Süd kostet knapp 2 Millionen, die komplett aus der Vermarktung der alten Plätze gegenfinanziert wird.
    @G.Bischoff: Vater und Sohn dürfen sicher gerne in jedem Verein mitkicken, in manchen Vereinen sogar Vater und Tochter.

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  • Konrad Harmelink

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    Wenn es zur Schließung durch Baumängel kommen sollte, wäre das ein typisches Versäumnis der kommunalen Selbstverwaltung. Man kann, wie jeder Häuslerbauer weiß, ein Bauwerk ohne intensive Pflege nicht 25 Jahre sich selbst überlassen. Genau das ist passiert. Die Eishalle war in „sonnigen“ Zeiten immer gut dafür, dass sich lokale Politiker vor ihr mit heren Aussagen darüber, dass Unna ja eine Sportstadt sei, für die Veröffentlichung in Tageszeitungen ablichten ließ. Wenn diese Einrichtung geschlossen werden sollte, wäre das ein weiterer Beweis dafür, dass Kommunen wegen ihrer chaotischen Verwaltungen mit solchen Einrichtungen nicht umgehen können.

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  • Vereinssport

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    Sehr geehrte Frau Kuchnia, ich habe auch nicht von Fußballvereinen gesprochen sondern von Sportvereinen. Mir ist es nur etwas zuwider, wie Sie hier andere Sportarten angehen.
    Und 60 Parkplätze sind mit Sicherheit nicht zu großzügig bemessen, zu Spitzenzeiten dürfte das ziemlich eng werden. Vielleicht informieren Sie sich erst einmal, wie viel Kinder und Jugendlich dort tatsächlich Sport betreiben.

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  • G.Bischoff

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    @Vereinssport (sicherlich nicht Ihr korrekter Name)
    Es hat keiner vor irgendeine Sportart schlecht zu machen oder denen die Sportstätten nicht zu gönnen.
    Es kann aber nicht sein, dass in der Eishalle jahrelang von der Stadt kaum etwas investiert wurde, gleichzeitig aber eine Menge Sportplätze von Asche in Kunstrasen umgewandelt werden und ein „Sportzentrum“ für mehrere Millionen Euro errichtet wird.
    Und dies bei klammen Kassen der Stadt Unna.
    Die Verhältnissmässigkeit ist hier absolut nicht gegeben. Und darum geht es.
    Um die Verhältnissmässigkeit.
    Und ja, Eissport ist teuer.
    Die Eishalle ist aber auch ein „Treffpunkt“ für viele Bürger u. Sportler dieser Stadt und Umgebung.

    Kommen Sie einfach mal öfters in die Eishalle, evtl. verstehen Sie dann.

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  • Eisfreestyler

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    Es kann nicht angehen das irgendwo in unna Süd ein Sportplatz für was weiß ich wie viel Millionen Euro gebaut wird wenn in unna an der gesamt schule noch ein Asche platz ist der restauriert werden kann der platz wird kaum genutzt und dann kann die Stadt Geld locker machen für einen neuen kunstrasenplatz aber nich um ein Gebäude was meiner Meinung nach zu Unna ‚s Geschichte gehört. In Unna gibt es kaum etwas wo wir Jugendlichen uns treffen können.
    Dann heißt es du Jugendlichen hängen nur auf der Straße vor dem Computer oder beschädigen Gebäude oder sonstiges in Unna. Die Politiker wollen unsere stimme dann sollen sie was dafür tun sie sollen es sich verdienen so wie wir uns jeden Tag unser Geld Verdienen.
    Ich kenn die Familie kuchnia schon lange Sylvia kümmert sich wie eine Mutter um die Jugendlichen in der Eishalle egal und wann man trifft immer jemanden an. Diese Leute haben es verdient für ihre harte Arbeit belohnt zu werden. Also soll die Stadt mal zeigen das sie was für uns tut (das Volk)

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