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Jeder Schuss kostet 100 Euro


Wie viele Fotos haben Sie geschossen? Wer ein Smartphone hat oder eine Digitalkamera kann darauf wahrscheinlich nur noch ungefähr antworten. Ein Bild ist schnell geschossen, schnell gelöscht, Kosten entstehen quasi keine mehr. Für den Foto-Künstler Horst Wackerbarth ist es nicht ganz so einfach.

Derzeit baut er seine Sinar 810 im Evangelischen Krankenhaus Unna auf.  Die Kamera sieht uralt aus, er fotografiert wie damals, mit Kopf unter einem Tuch. „Die wird so immer noch gebaut. In der Automobilfotografie wird die Kamera oft genutzt“, sagt Wackerbarth. Er fotografiert damit Menschen und die rote Couch.

Jedes Motiv ist sorgsam ausgewählt, das gesamte Bild sorgsam inszeniert. „Jedes Mal, wenn ich auf den Auslöser drücke, sind 100 Euro weg“, sagt Horst Wackerbarth. Schnappschuss sieht anders aus.

Der zweite 100-Euro-Schuss des Montags ist einem Pfleger gewidmet. In Krankenhaus-Kleidung mit Mundschutz sitzt er grüngekleidet in dem Ahorn vor dem Evangelischen Krankenhaus, wie in einem Nest, beschreibt Horst Wackerbarth. Die rote Couch, Markenzeichen von Horst Wackerbarth, ist sorgsam im Baum drapiert.

Mehrere Ebenen im Bild

So wird der Pfleger zum Vogel. Foto: Tobias Kestin

So wird der Pfleger zum Vogel. Foto: Tobias Kestin

Auf den ersten Blick hat Wackerbarth 700 schöne Fotos in 30 Jahren geschossen. Aber alle 700 Motive haben immer einen Hintergrund, oft steht das Sofa nicht grundlos dort. In Duisburg-Meiderich hat er 2010 die Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi und Brima Conteh, Flüchtling aus Sierra Leone, fotografiert. Es ist ein Gruppenbild vor einer Reihenhaus-Siedlung. Wer Duisburg kennt, weiß aber, dass genau dort das Konzentrationslager Ratingersee stand. „Ich versuche in jedes Bild verschiedene Ebenen einzubauen“, sagt Horst Wackerbarth.

Da diese manchmal mehr oder weniger versteckt sind, dokumentiert ein Filmteam seit 1995 jede Aktion Wackerbarths. Auch im Evangelischen Krankenhaus sind die Filmer dabei. In dem Video, das parallel zu dem Fotoshooting entsteht, beantworten die Porträtierten immer die zwölf gleichen Fragen von Horst Wackerbarth. Glück?, Lebensfreude? Unglück? Wer hat die Welt geschaffen? und acht weitere. Gorbatschow hat genauso Antworten gefunden wie Kinder, diea auf der Couch Platz nehmen durfte.

Fotos sind ein Massenobjekt geworden, abertausende lassen sich schon auf günstigen Handys speichern. Trotzdem haben Fotos ihren Wert. „Fotografie bedeutet Selektion“, sagt Wackerbarth. Wer eine Million Bilder schießt, muss sortieren, wirft das weg, löscht ein anderes, bis das Lieblingsbild da ist.

Digitales Rückteil ist für die Sinar 810 zu haben – für 75 000 Euro

Auch Horst Wackerbarth wird irgendwann mehr Bilder machen können. Für seine Kamera gibt es mittlerweile ein digitales Rückteil, dann speichert er die Fotos auch auf einem Chip anstatt auf Film. Aber das Rückteil kostet rund 75000 Euro, unerschwinglich. Eine digitale Spiegelreflex-Kamera kommt für ihn trotzdem nicht in Frage. Allein wegen der Entwicklung. „ich kann die Motive auf zwei mal drei Meter abziehen, das schafft keine Digitalkamera“, sagt Wackerbarth.

Kommentare (1)

  • Karl Achenbach

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    Zitat: „Ich kann die Motive auf zwei mal drei Meter abziehen, das schafft keine Digitalkamera”, sagt Wackerbarth.
    Falsch, Herr Wackerbarth.Das übliche Vorurteil von Leuten, die keine Ahnung von digitaler Fotografie haben.

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