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Harte Fakten im „Frauensalon“: Weibliche Neonazis auf dem Vormarsch

Sie tarnen sich als nette Mädels von nebenan, fröhlich, offen, gewinnend. Sie backen an Infoständen Waffeln und tragen rotbackige Kinder auf ihrem Arm. Sie engagieren sich mit Eifer für soziale Themen: Kindergeld, Tierschutz, Mütterrente. Sie wirken ganz und gar harmlos, lieb und freundlich.

Aber: Sie marschieren gleichzeitig mit geballten Fäusten und Drohgebärden durch deutsche Städte. Sie tragen dabei Transparente: „Deutsche Frauen, deutsche Sitte waltet stets in dieser Mitte!“ Und natürlich sind sie für ein Müttergehalt, „das natürlich nur die deutschen Mütter bekommen!“. Ein knallhart menschenverachtendes Weltbild steckt dahinter, das völkische Weltbild der Nazis und Neonazis. In der aktuellen rechtsextremen Szene sind Frauen und Mädchen beängstigend angekommen.

Neonazis Frauensalon Andrea Röpke

Sie sind längst keine Mitläuferinnen und blonde Anhängsel mehr. „Oft sind sie rassistischer als die Männer“, weiß Autorin Andrea Röpke, die am 11. November im Paul-Gerhardt-Haus einen ungewöhnlich „harten“ „Frauensalon“-Abend gestaltete. Die Veranstaltungsreihe des Unnaer Gleichstellungsbüros und der Kirchengemeinde Königsborn packte mit dem Thema „Frauen in der Neonazi-Szene“ ein (leider) brandaktuelles Eisen an. „Wir halten hier nichts von Weichspülerthemen. Klartext reden“, betonte Gemeindepfarrerin Hannelore Hollstein.

Klartext wurde allerdings geredet, vor  – und mit – einer Rekordzahl von Besucherinnen, was Unnas Gleichstellungsbeauftragte Josef Redzepi und Elke Markmann vom Frauenreferat des Kirchenkreises natürlich sehr freute. Im Kaminraum blieb kein Stuhl frei.

Andrea Röpke, freie Journalistin aus Niedersachsen, ging für ihr Buch „Mädelsache“ unerschrocken dorthin, wo es weh tut: Mitten in die (bislang männerdominierte) Neonazi-Szene, in der Frauen immer selbstbewusster mitmischen.

Bei offiziellen NPD-Veranstaltungen hat Röpke längst Hausverbot. Das kümmert sie nicht, sie tut das, wozu im heutigen Journalismus kaum noch Zeit – oder besser: Geld – übrig ist: Sie recherchiert selbst, begibt sich in der Szene. In Köln, wo vor zwei Wochen Salafisten mit Hooligans aufeinanderprallten, war sie auch dabei. Sie lebte eine Woche lang unter – und mit – SS-Angehörigen in Österreich. So macht sie sich ihr eigenes Bild. Und bringt erschreckende, abschreckende Bilder mit, bei denen einem Angst und Bange wird.

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Zum Frauensalon bringt sie neben ihrem Buch einen Film mit. Darauf marschieren Frauen, blond, brünett, schwarzhaarig, in schwarzen Bomberjacken ebenso in Blumenröcken und T-Shirts, mit brutal entschlossenen Gesichtern durch deutsche Straßen. Sie recken ihre Fäuste bei Kundgebungen der NPD oder denen ihrer eigenen Frauenorganisationen. „Die krasseste ist die ,Gemeinschaft deutscher Frauen´“, weiß Röpke. In deren Statut steht folgende Maßregelung: „Verweigert sich eine deutsche Frau den eigenen naturgegebenen Pflichten als Mutter, macht sie sich im schwersten Maße mitschuldig am Untergang des deutschen Volkes.“ Wohlgemerkt: Wir reden nicht vom Jahr 1936. Sondern von heute, von 2014.

Die mehrfach verurteilte Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck referierte 2012 in Unna vor 70 Zuhörern über „Wirtschaftspolitik 1933-45″. Selbstverständlich verherrlichte sie diese Politik. Haverbeck ist so etwas wie die Heldin der Szene, berichtet Andrea Röpke. „Bei Prozessen steht sie im Gerichtssaal mitten in der Verhandlung auf uns singt Lieder der Hitlerjugend.“

Sehr selbstverständlich geworden sind Frauen in der Neonazi-Szene im benachbarten Dortmund, berichtet Röpke. „Aus dem einfachen Grund“ – ironisches Lächeln – „weil die Männer meist im Knast sitzen.“ Dieser Anflug von Amüsement vergeht, wenn man sich die schwelende Gewaltbereitschaft der Frauen vor Augen führt, warnt Röpke. „Frauen schrecken noch etwas mehr als Männer davor zurück, jemanden niederzuschlagen. Sie sind in ihrem Reden und Denken aber oft noch brutaler, menschenverachtender und rassistischer als Männer.“

Das sind sie auch deshalb, weil die rechtsextreme Szene Frauen ihren klaren Platz zuweist. Wer als Neonazin eine führende Positionen erreichen will, muss drei- bis viermal mehr Einsatz zeigen als Männer. Die eigentliche Rolle der Frau ist im Selbstverständnis der rechtsextremen Frau genau die, die die Nazis propagierten. So sagt eine junge Neonazin überzeuzgt im Film: „Die Frau sieht ihre Aufgabe darin, Schicksalsgefährtin des Mannes zu sein (…) und das deutsche Blut rein zu halten.“ Deutsche (weiße) Frauen zeugen mit deutschen (weißen) Männern mindestens drei bis fünf Kinder, um die „Volksgemeinschaft“ zu bewahren, der sich das Individuum – das weibliche Individuum – vollkommen unterzuordnen hat.

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Kaum erträglich sind für die Frauensalon-Besucherinnen Andrea Röpkes knallharte Schilderungen (mit Bildern versehen), wie gewissenlos Frauen auch ihre Kinder für ihre rechtsextremen Ziele einsetzen. Wie sie ihre Kinder dazu „missbrauchen“ ist wohl der treffendere Ausdruck. Kinder werden zu Aufmärschen mitgenommen, bei denen Frauen anderen Frauen zubrüllen: „Was wir in Schwerin brauchen, ist nicht Integration, sondern ein Konzept zur Rückführung!“ Kinder schwingen auf den Schultern ihrer Mütter Plakate mit menschenverachtenden Parolen: „Heimreise statt Einreise!“ Ein Kind, süßes Mädel mit blonden Zöpfen, streckt auf einem NPD-Plakat frech die Zunge heraus – zu den Worten: „Ätsch! Immer noch nicht verboten! Jetzt NPD wählen!“

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Frauen, fasst Andrea Röpke zusammen, laufen nicht mit, sondern voran. Sie hetzen, rufen, feuern an, stehen Schmiere. Haben – noch? – etwas mehr Hemmungen, jemanden niederzuschlagen. Doch der Anteil rechter Straftaten von Frauen ist bereits auf 10 Prozent gestiegen.

Die Veranstaltungsreihe „Frauensalon“ ist eine Kooperation der Evangelischen Kirchengemeinde Königsborn und dem Gleichstellungsbüro Unna. Der Abend mit Andrea Röpke zu weiblichen Neonazis wurde maßgeblich durch den „Runden Tisch gegen Rassismus Unna“ mit ermöglicht.

Den musikalischen Rahmen des Abends gestalteten Anna Abel, Lara Strate und Alina Schlegel.

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Kommentare (2)

  • Steffi

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    Entdecke gerade mit Bestürzen diesen Bericht.
    Wie kann es sein, dass die Haarfarbe von Frauen („blonde Anhängsel“; „süßes Mädel mit blonden Zöpfen“), in einem Artikel, der sich mit Rassismus beschäftigt, derart stereotyp in den Vordergrund gerückt wird. Frauen, die bei allgemeiner gesellschaftlicher Akzeptanz seit ihrer Kindheit von türkischen Mitbürgern als blonde Hure beschimpft und häufig genug als blondes Dummchen abgewertet werden, fühlen sich durch diese Wortwahl mehr als diskriminiert. Man kann nur hoffen, dass bei der beschriebenen Veranstaltung keine vergleichbare Stimmungmache gegen blonde Menschen betrieben wurde.

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    • Silvia Rinke

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      Es wurde bei dieser Veranstaltung, die im Übrigen Jahre her ist, ganz bewusst mit Stereotypen gearbeitet

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