Rundblick-Unna » Geradezu quälend lebensecht: Narrenschiff-Jugendclub brilliert mit Mobbing-Stück "DNA"

Geradezu quälend lebensecht: Narrenschiff-Jugendclub brilliert mit Mobbing-Stück "DNA"

„Tot.“ – „Wie. Tot!“ – – „Tot.“ –  „Wie jetzt“, Gelächter, „du meinst: tot? So richtig tot, wie: nicht mehr lebendig?!“

–  „Tot.“

Adam will nur dazu gehören. Zu der coolen Clique aus seiner Schule. Tony Tate und Lou,  Danny, Mark, Cathy , Leah, Phil, Jenna und Maddison. Um ihre Anerkennung zu gewinnen, tut Adam alles. Er lässt übelste Erniedrigungen über sich ergehen, lässt sich schlagen, mit Steinen beschmeißen, frisst sogar auf dem Boden kriechend nasse Erde und Laub. Seine Peiniger finden das zum Schreien komisch. Doch sie gehen zu weit.

Die Bühne in Schummerlicht getaucht, puristisch die Kulisse aus schwarzen Sitzpodesten. Die Blätter, die den Boden bedecken und überall auf den Sitzwürfel verstreut sind, kann man riechen, es riecht nach Herbstlaub, würzig. Es riecht gut. In diesem Laub wird Brian (Florian Eller) später in der Geschichte herumkriechen,  wird juchzend Ärme voll über sich in die Luft werfen, er wird mit irre flackernden Augen auch Hände voll Blätter in den Mund stopfen – in hohem Bogen wieder ausspucken: Der schüchterne, linkische Junge im Rautenpulli wird irrsinnig über der Tat, die er gemeinsam mit der Clique an Adam verübt hat, verübt zu haben glaubt. Und noch an einem weiteren Menschen, einem vollkommen unbeteiligten Postboten, der schlicht das Pech hat, Postmann zu sein, dick, ungepflegt und schlechte Zähne zu haben.

Verstörend authentisch, geradezu schmerzhaft lebensecht brilliert das Jugendensemble „bloßgestellt“ des Theaters Narrenschiff in seiner ersten  Aufführung „DNA“. Ein Kriminaldrama – Jugend-Krimidrama – von Dennis Kelly, einstudiert unter André Decker und Kirsten Ullrich Klostermann, die hier wieder  einmal ein erfreuliches Gastspiel als Theaterpädagogin gibt.

Dass diese zehn jungen Darsteller wahrhaftig das erste Mal in einem Abend füllenden Stück vor Publikum stehen – man glaubt es nicht. Sie spielen echt, derart lebensnah, dass man als Zuschauer permanent das beklemmende Gefühl hat, mittendrin eingekeilt zu sein und das zunehmend pervertierende Geschehen nicht aufhalten, nicht stoppen zu können. Die Darsteller spielen sich selbst; so scheint es. „Sie sind natürlich nah an ihren Rollen dran“, bestätigt Decker, räumt jedoch zugleich strahlend vor Glück ein: „So ein gutes Jugendensemble hatten wir nie.“

Mobbing bis zum Äußersten, quälen, peinigen über alle Schmerzgrenzen hinaus. Das ist das Thema von „DNA“. Zugleich ist Gruppendynamik das Thema. Die coole Clique gibt Kraft, baut zunächst auf, wirkt als Kleber – doch als „wir am Arsch sind“, als „es nicht für uns läuft“, wendet sich die Stärke der Gruppe ins Gegenteil, sie greift jedes einzelne Mitglied an, zerstört, zersetzt. Sie pulverisiert sich selbst, diese Gruppe, denn jeder in ihr ist letztlich ja ein Individuum.

Ihre Stärke beziehen die coolen Kids zunächst aus ihrem gemeinsamen Entschluss, das aus dem Ruder gelaufene Mobbing an Adam gemeinsam zu vertuschen. Dabei werfen sie sämtliche Tricks in den Topf, die sie aus  Kriminalserien im Fernsehen zusammengeklaubt haben: Sie legen eine falsche Spur, setzen bei der Polizei Lügengeschichten in die Welt und verlassen sich in allem blind auf Phil (Benedict Fromme), ihrem schlauen Kopf, der auch mit Abstand am wenigsten redet. Wenn Phil allerdings etwas sagt, dann hat es Gewicht. Die raffinierte Vertuschung ihrer Gemeinschaftstat scheitert denn auch nicht an Phils ausgeklügeltem Plan, sondern daran, dass die dümmlich-selbstgerechte  Cathy (Chantal Jaskiewicz)  eigenmächtig diesen Plan erweitert: Sie legt eine Fährte mit DNA-Spuren zu einem gänzlich unbeteiligten Postboten, der in Konsequenz für Jahre hinter Gitter wandert.

Diese doppelte Schuld ist für die Individuen der Gruppe zuviel. Sie zerbricht, die Einzelnen zerbrechen. Zuvor bringt das Stück in der zweiten Hälfte unvorhergesehene Wendungen und ein abruptes Ende. Unter den sämtlich hervorragenden Darstellern soll hier lediglich mit einem Satz Sofia Velhinho (die die Leah spielt) extra erwähnt werden:  Denn als dieses junge Mädchen an zwei Stellen des Stücks zu singen beginnt – die Musical der Peter-Weiss-Gesamtschule lässt grüßen – stockt dem Publikum komplett der Atem. Eine grandiose Stimme, die man mit Sicherheit wiederhören wird. Auf der Narrenschiffbühne wie auch anderswo. (sia)

Die bereits dritte Generation des nt-Jugendclubs „bloßgestellt“ probte seit Anfang des Jahres. Zu sehen ist ihr erstes Stück  „DNA“ noch am Sonntag, 1. Juni, sowie zur Derniere am Freitag, 6. Juni, jeweils ab 19.30 Uhr. Das Stück dauert (mit einer Viertelstunde Pause) knapp zwei Stunden.
Darsteller: Florian Eller, Benedict Fromme, Chantal Jaskiewicz, Patrick Hartwich, Julia Kullnat, Jannis Kästner, Robert Marx, .Natalie Smykala, Kim Schütt und Sofia Velhinho.

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