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Endstation für Sehnsucht, Hoffnungen und Illusionen

tn Endstation Sehnsucht 3„Was ist los, Honey? Haben Sie sich verlaufen?“ – „Man hat mir gesagt, ich soll die Straßenbahn mit der Endstation Sehnsucht nehmen, dann umsteigen in die Linie Richtung Friedhöfe und sechs Straßen weiter aussteigen in den elysischen Gefilden…“ Die Straßenbahn mit Endstation „Sehnsucht“ muss Blanche DuBois nehmen, als sie Hals über Kopf ihre Schwester Stella in New Orleans besucht. Noch bevor die Schwester zur Tür herein kommt, kippt sich Blanche in der ärmlichen Küche heimlich den ersten Whisky hinter die Binde, was in den nächsten zweieinhalb Stunden noch häufiger passieren wird, denn Blanche hat ein ausgewachsenes Alkoholproblem.

In Tennessee Williams´ beklemmendem Kammerspiel geht es überhaupt krass zur Sache: Da wird gesoffen, gerülpst, geflucht und herumgebrüllt, fliegen Stühle und Teller über die Bühne, prügeln Männer ihre (schwangeren) Frauen und sich gegenseitig, und da wird zugleich mit mit inniger Zärtlichkeit und hoffnungslos verzweifelt geliebt.  Das alles ist „Endstation Sehnsucht“, und das Narrenschiff-Ensemble, das mit der Inszenierung von André Decker am Samstagabend eine begeisternde Premiere feierte, muss bei diesem Stück mit Schauspielkalibern wie Marlon Brando und Vivien Leigh konkurrieren, die das Stück mit dem gleichnamigen Film weltberühmt machten.

Nicht minder verstörend war für das prüde Amerika der 40er und 50er Jahre die Bühnenfassung. Gewalt, Prostitution, Homosexualität, Vergewaltigung, Verführung Minderjähriger, Alkoholismus, der Autor  lässt nichts aus, und auch bei André Decker weiß man in der Regel, auf was man sich einlässt. Diesmal spielen sich die (wenigen) Hardcore-Szenen verhalten hinter transparenten Vorhängen ab, und Decker entwickelt das Drama generell äußerst behutsam, fast tastend und verlässt sich, von munterer 40er-Jahre-Musik untermalt, nahezu vollständig auf das tragende Spiel seiner beiden Hauptdarsteller: Marina Jünemann (platin-erblondet als Blanche) und Johannes Schmidt als ungehobelter, zu Gewaltausbrüchen neigender „Polacke“ Stanley, ständig die Southern Comfort-Flasche am Hals und die überwiegende Zeit im durchgeschwitzten Malocher-Unterhemd, das er obendrein noch verkehrt herum trägt.

 Darum geht es in Endstation Sehnsucht

tn Endstation Sehnsucht 1Zum Inhalt: Blanche, verwirrt und orientierungslos (eindringlich und ergreifend von Marina gespielt), sucht Trost bei ihrer jüngeren Schwester Stella (Lilja Kopka). Nur scheibchenweise kommt heraus, was eigentlich los ist: Blanche hat die Plantage der Eltern und obendrein ihren Job als Lehrerin verloren, Letzteres, weil sie einen 17-Jährigen verführte, was erst im zweiten Teil des Stücks von Stellas Mann Stanley herausgefunden wird. Dem geht das gezierte Getue von „Blänsch“, wie er sie verächtlich nennt, überhaupt fürchterlich auf den Wecker, die intensive Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit, denn Blanche verabscheut den ungehobelten polnischen Imigranten zutiefst und greift Stella heftig wegen ihrer Beziehung zu „diesem Tier“ an, was der Schwesternbeziehung naheligend nicht gut bekommt.  Je länger aber Blanche zusammen mit ihrer Schwester und dem verhassten Schwager in der  armseliger Zweizimmerwohnung haust, umso bröckeliger wird ihre Fassade; bis sich Blanches verzweifelter  Traum von einer „Southern Belle“ in tiefer Tragik als s genau das erweist: als Traum, Illusion von vergangenen Zeiten, die unwiderbringlich verloren sind.

André Decker spielt Mitch. Den einzigen anständigen Mann in der ungeschlachten Pokerrunde, der sich, linkisch und rührend unbeholfen, um Blanche bemüht. Er will sie sogar heiraten. Blanche, die panisch ihrer verblühenden Jugend hinterher rennt, klammert sich ihrerseits mit der verzweifelten Hoffnung einer (im Whisky) Ertrinkenden an die Idee einer heilen Ehewelt mit Mitch- die Illusion wird wie alle ihre Lebensträume brutal zerstört, als  Stanley seinen Kumpel Mitch jäh mit der Vergangenheit von Blanche konfrontiert: Sie verdingte sich vor ihrer überstürzten Flucht nach New Orleans im zweifelhaften Etablissement „Hotel Flamingo“ als Prostituierte.

Sitzengelassen am siebenundzwanzigsten Geburtstag

tn Endstation Sehnsucht 2Man leidet körperlich selbst Qualen, als man mit ansehen muss, wie Blanche an ihrem Geburtstag („dem – äh, ja – siebenundzwanzigsten…“) von Mitch sitzen gelassen wird und sich verzweifelt an zerstäubende Hoffnungen klammernd einredet, ihm sei einfach etwas ganz Wichtiges dazwischen gekommen. Sie telefoniert ihm hinterher, hinterlässt eine flehentliche Rückrufbitte, der Rückruf kommt natürlich nicht… dafür kreuzt Mitch spät in der Nacht noch selbst sternhagelbesoffen auf und macht tief frustriert Schluss mit Blanche, weil er sich von ihr verraten und verkauft fühlt.

Kurz vor der Pause kann man noch auf Happy-End hoffen. Da nimmt Mitch Blanche in die Arme und flüstert zärtlich: „Du brauchst jemanden, ich brauche jemanden… könntest du dir vorstellen, du und ich, Blanche…?“ Dazu perlt „Blue Velvet“ durch den Raum, einfach schön. Im zweiten Teil übergangslos und brutal der Schnitt, alles dahin, zerstört. In der Schlussszene weint (fast) jeder auf der Bühne. Ergreifend, großartig gespielt und absolut sehenswert.

Termine: 7./8./22./28. März, 4./6./12. April, jeweils ab. 19.30 Uhr

 

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