Rundblick-Unna » Lindenbrauerei: „Ein Wunder, dass es so lange gut ging“

Lindenbrauerei: „Ein Wunder, dass es so lange gut ging“

Unnas Kulturzentrum ist ein Konsolidierungsfall – und Regina Ranft, seit fast einem Vierteljahrhundert Geschäftsführerin der Lindenbrauerei, gerät damit auch persönlich ins Kreuzfeuer. Im Interview bezieht die 59-Jährige Position – zur Frage, wie Unna sein Kulturzentrum langfristig halten kann, sowie auch zu den persönlichen Angriffen auf ihre Person.

Frau Ranft, wie ist das, wenn man ständig – zwischen den Zeilen – über sich selbst lesen muss: Die kann nicht mit Geld umgehen?
Regina Ranft: Natürlich fühle ich mich durch solche Äußerungen verletzt. Sie stimmen auch nicht. Ich bin 30 Jahre lang mit der Lindenbrauerei beschäftigt. Am 1. Februar 1992 habe ich als Geschäftsführerin angefangen Seit fast 24 Jahren gibt es das Kulturzentrum jetzt. In dieser Zeit haben wir mehrfach unsere Zahlen von Finanzexperten durchleuchten lassen.

Zuletzt sogar erst vor zwei Jahren. Da wurde Ihre Buchhaltung unter die Lupe genommen.
Regina Ranft: Genau. Wir haben 2012 zusammen mit der Stadtspitze ein Gutachten über die gesamte Buchhaltung machen lassen und rundherum einen Bestbefund ausgestellt bekommen. Alles wirtschaftlich korrekt, Buchhaltung transparent, nachvollziehbar, keine Beanstandungen.

Seit die Finanzierungsprobleme des Kulturzentrums bekannt wurden, reißt dennoch unverhohlene Kritik an Ihnen persönlich nicht ab. Haben Sie eigentlich eine kaufmännische Ausbildung?
Regina Ranft: Ich bin Diplompädagogin, habe aber während meiner Jahre als Geschäftsführerin natürlich betriebswirtschaftliche Fortbildungen gemacht. Es gibt Leute aus der Politik, die sich für ihre Behauptungen, ich könne nicht wirtschaften, mittlerweile entschuldigt haben. Als wir kurz vor der Wahl die Kommunalpolitik im Schalander zu Gast hatten, um über die Zukunft der Kultur in Unna zu diskutieren, wurde das im übrigen gar nicht mehr behauptet, sondern das eigentliche Problem war unbestritten.

Was jetzt genau?
Regina Ranft: Dass die Lindenbrauerei einfach strukturell unterfinanziert ist. Und das nicht erst seit gestern.

Was ist denn eigentlich so schief gelaufen? Ganz konkret?
Regina Ranft: Was konkret schief gelaufen ist? Die Frage sollte eher lauten: Wieso ging es so lange gut? Das haben mir Kenner aus der Kulturzentrumsszene NRW übrigens auch wortwörtlich so gesagt:
Ein Wunder, dass es so lange gut ging.

Das müssen Sie jetzt aber mal erklären.
Regina Ranft: Unsere Eigenerwirtschaftung von bis zu 85 Prozent schafften wir in erster Linie mit den Discos im Kühlschiff. Nur die Discos haben so eine hohe Umsatzrendite. Discos sind sehr lukrativ. Wenn es läuft.

Es läuft sichtlich nicht mehr. Seit wann und wieso?
Regina Ranft: Es ist wie eine Art Strukturwandel. Jugendliche gehen heute viel seltener in Discos. Die erste Krise kam, als Kochtokrax mit seinen Discos als Konkurrenz auftrat: Buchstäblich über Nacht hatten wir statt 600 nur noch 60 Gäste. Damals schon mussten wir zur Stadt gehen, um zu überbrücken. Für die hohen gastronomischen Einnahmen einer Disco hast du aber nun mal keinen Ersatz in einem Kulturbetrieb. Innerhalb von zwei Jahren hat es sich damals zunächst wieder relativiert. Wir haben dann ständig weiter versucht, uns mit neuen Angeboten an geänderte Zielgruppen anzupassen. Als eine der Ersten haben wir den Trend „Discos für Ältere“ erkannt und die Ü50-Disco ins Monatsprogramm aufgenommen.

Ü30, und vor allem Ü50 läuft ja weiterhin. Aber vieles andere dümpelt. Wieso?
Regina Ranft: Es war einfach schon immer verkehrt.

Was war immer schon verkehrt?
Regina Ranft: Dass das Finanzierungsmodell der Lindenbrauerei so stark auf die Einnahmen aus der Eigenbewirtschaftung aufgebaut wurde. Die Kulturzentren in Nordrhein-Westfalen werden im Durchschnitt zu 50 Prozent vom Umsatz bezuschusst. Wir gehören zu den sieben größten in NRW und waren auf 15 Prozent Zuschuss runter. Selbst das zakk in Düsseldorf bekommt 35 Prozent. Zuschuss! Das kann in Unna so nicht funktionieren. Wie gesagt: Man wundert sich, dass es so lange funktioniert hat. 2008 war wirtschaftlich noch ein gutes Jahr. Nach der Wirtschaftskrise 2009 gingen die Erträge bergab. Am Anfang haben wir noch versucht, die wegbrechenden Einnahmen durch Vofi-Feten aufzufangen. Das klappte aber auch nur kurzzeitig.

Dennoch wird behauptet, dass dieser „Strukturwandel“, von dem Sie sprechen, das Kulturzentrum irgendwie eiskalt erwischt hat. Wie konnte das passieren?
Regina Ranft: Das sehe ich nicht so. Auf das Problem der zu großen Abhängigkeit von den Discoeinnahmen habe ich schon viele Jahre hingewiesen. Und mit Einnahmen aus der Kultur lässt sich das nicht wett machen, im Gegenteil, kulturelle Arbeit braucht Zuschüsse.

Mangelnde Weitsicht?
Regina Ranft: Vielleicht hätten wir früher die rote Karte ziehen müssen: Stadt, du musst uns helfen. Wenn du das Zentrum in dieser Vielfalt erhalten willst, hast du keine andere Chance! Seit Jahren bin ich im Landesvorstand der soziokulturellen Zentren NRW. Ich kenne unsere Situation und die der anderen sehr genau. Sie können mir glauben – wenn ich Möglichkeiten sehe, ergreife ich sie!

Wie haben andere Zentren überlebt? Nicht nur mit Ach und Krach, sondern gut überlebt?
Regina Ranft: Die anderen? Haben mehr Zuschüsse gekriegt. Aber überall ist die Decke sehr dünn,da sind wir nicht die einzigen, es hat auch Schließungen gegeben! Das konnten wir ja immerhin mit der Unterstützung der Stadt Unna verhindern!

Jetzt soll das Kulturzentrum seine Hausaufgaben aus dem Herbstgutachten erledigen und Einsparmöglichkeiten suchen. Ihr könnt aber doch das Rad nicht neu erfinden.
Regina Ranft: Nein: Der Geburtsfehler der Lindenbrauerei lag darin, nicht von Anfang an alles in eine Hand zu geben. Ich will jetzt nicht diese ständig wechselnden Strukturen der Anfangsjahre nochmals extra aufdröseln. Das eigentliche Kulturzentrum baute sich zunächst auf reinem Zuschuss der Stadt auf. Erst 1997 durften wir die Gastronomie auch im Kühlschiff übernehmen. Und damit waren wir mit der Maßgabe eines um 100 000 DM reduzierten Zuschusses von Anfang an zum Erfolg verdammt.

Was ja auch viele Jahre geklappt hat.
Regina Ranft: Ja richtig, genauer gesagt ist es 14 Jahre gut gegangen, wir haben 2010 vom Hotel-und Gaststättenveband sogar einen Preis für
innovative Gastronomie erhalten.

Und dann kam der Strukturwandel bei den Discos.
Regina Ranft: Es gibt ja auch keine Tante-Emma-Läden mehr. Man muss einfach sagen, wie es ist. Selbst große Disco-Tempel machen zu.
Jugendliche haben länger Schule, Kontakte finden über soziale Netzwerke wie Facebook statt. Die machen das heute anders mit dem Flirten.

Nur die Jugendlichen?
Regina Ranft: Wir hatten gehofft zusammen mit den früheren Macherinnen den Frauenschwoof wieder aufleben zu lassen, funktioniert im Moment auch nicht wirklich. Das war schon ein Schlag ins Kontor. Wir hatten mit mehr begeisterten Frauen gerechnet.

Ist das Ihr Abgesang auf den Discobetrieb in der Lindenbrauerei allgemein?
Regina Ranft: Nein, gut laufende Parties, wo unsere Gäste viel Spaß haben,werden wir natürlich weitermachen, darauf können sich unsere Besucherinnen und Besucher verlassen! Wir müssen aber die wirtschaftliche Struktur deutlich korrigieren. Das Kulturzentrum war wie ein Fahrstuhl – er hängt an einem dicken Draht: Das sind die Discos. Je dünner der Draht, desto absturzgefährdeter die Kabine. Wenn in der Disco einer niest, kriegt das Kulturzentrum direkt eine Lungenentzündung.Diese warnenden Bilder habe ich immer und überall heruntergebetet… und ich bleibe mal bei diesem Bild. Es geht um eine grundsätzliche Gesundung der Lindenbrauerei. Wir müssen weg von der Disco-Abhängigkeit. Und das funktioniert nur mit höherer Subventionierung. Mehr Geld also.

Dauerhaft?
Regina Ranft: Dauerhaft.

Nennen Sie mal eine Summe. Jährlich 275 000 Euro, so wie in diesem Jahr?
Regina Ranft: Keine Prognose. Mit den 75 000 Euro zusätzlich kommen wir in diesem Jahr hin. Ein kleinerer Reformstau ist aufzulösen,ansonsten aber läuft der Laden. Da sind wir schon einige Schritte vorangekommen: Im Herbstgutachten stehen 50 000 Euro Einsparpotenzial. 25 000 Euro realisieren wir in diesem Jahr schon: Durch die Preiserhöhungen in der Gastronomie, durch eine Ausweitung des Vermietungsgeschäfts und dadurch, dass wir Großveranstaltungen ausserhalb unseres Hauses durchführen werden.

Sie haben zusammen mit der Stadthalle und dem Kulturbereich der Stadt auch strukturelle Hausaufgaben zu erledigen. Sie sollen überlegen, wie Sie – neudeutsch – Synergien nutzen können.
Regina Ranft: Horst Bresan (Stadtmarketing), Sigrun Krauß (Kulturbetriebe) und ich haben verabredet, dass wir uns künftig regelmäßig zu Programm- und Terminkonferenzen treffen. Technische Kooperation, Azubi-Austausch und Huckepack-Werbung,Koop beim Summertime, das alles läuft schon ,und wie gesagt,dass wir bei großen Kabarettveranstaltungen kooperieren. Über solche ganz praktische Zusammenarbeit kommt auch Geld in die Kasse. Da läuft doch schon eine ganze Menge!

Das klingt jetzt doch ein kleines bisschen sauer…
Regina Ranft: Man soll uns einfach mal in Ruhe arbeiten lassen.

Haben Sie eigentlich mal dran gedacht, hinzuwerfen?
Regina Ranft: … kommt nicht in Frage! Es geht doch nicht nur um mich, sondern um die Soziokultur in freier
Trägerschaft. (hält kurz inne – lacht dann leise) Hinwerfen?… ich bin kein Kapitän, der das Schiff verlässt. Das Kühlschiff!
 Mit Regina Ranft sprach Silvia Rinke

Kommentieren