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Die Legende vom steinreichen Facharzt: Interview mit Dr. med. Ardeshir Ghiassi

Er ist in Unna kein Unbekannter: Dr. med. Ardeshir Ghiassi, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie , leitete mehr als 5 Jahre lang das Medizinische Versorgungszentrum des Evangelischen Krankenhauses (EK) Unna. Inzwischen leitet er als niedergelassener Facharzt seine eigene Praxis in Dortmund-Körne, wohnt mit seiner Familie aber weiterhin in Unna.

Ein Interview.

 Herr Dr. Ghiassi, Sie haben über 5 Jahre das Medizinische Versorgungszentrum des Evangelischen Krankenhauses Unna geleitet; inzwischen praktizieren Sie ausschließlich als selbstständiger Facharzt in Ihre Praxis in Dortmund-Körne. Wie erleben Sie die Unterschiede in Ihrem beruflichen Alltag?

Dr. med. Ardeshir Ghiassi: Der Unterschied zwischen dem praktizieren in einem Krankenhausunternehmen zum selbstständigen Arzt liegt darin, dass man als selbstständiger Arzt selbst seinen Tagesablauf gestalten kann und keinerlei finanziellen Vorgaben unterliegt . Meiner Meinung nach funktioniert Medizin nur dann, wenn man während seiner Arbeit am Patienten die finanzielle Seite vollständig ausblendet und nur die medizinische Versorgung der Patienten in den Vordergrund stellt.

Haben Sie Patienten „mitgenommen“, sind Ihnen Patienten aus Unna nach Dortmund gefolgt?

Dr. Ghiassi: Bei meinem Wechsel von Unna nach Dortmund sind mir viele Patienten gefolgt, ja. Nach knapp zwei Jahren ist der Hauptanteil meiner Patienten aus dem Kreis Unna, was mich sehr freut und mich in meiner Arbeit bestätigt und motiviert, genauso weiter zu machen. 

Ist es schwierig, sich heutzutage als begehrter Facharzt eine eigene Praxis aufzubauen?

Dr. Ghiassi: Um eine eigene Praxis aufzubauen, bedarf es sehr viel Hintergrundwissen. Ich kann keinem Kollegen empfehlen, ohne solche Kenntnisse einfach aus dem Klinikalltag in die Selbstständigkeit zu wechseln. Denn auch bei uns Ärzten ist eine Praxis ein selbstständiges Wirtschaftsunternehmen, und auch hier müssen monatlich sämtliche Kosten gedeckt werden. Zum anderen muss man eine Zulassung erwerben. Und hierfür werden in der Regel sechsstellige Summen fällig, die man über Jahre stemmen muss.

Geldscheine in Hand

Gutes Stichwort, lassen Sie uns über Geld reden. Die Legende vom steinreichen Facharzt, der in Geld schwimmt und sich seine Patienten handverlesen aussuchen kann: Wieviel ist da dran?

Dr. Ghiassi: Die Zeiten vom steinreichen Facharzt sind schon längst vorüber. Für die Kassenpatienten erhalten wir pro Quartal und pro Patient eine feste Vergütung . Der Patient kann somit theoretisch an 63 Tagen in einem Quartal zu uns kommen. Dies wiederum führt dazu (da die Patienten uns auch mehrfach im Quartal aufsuchen),  dass wir an mehreren Tagen zum Ende des Quartals zwar durcharbeiten , aber kaum einen Umsatz erwirtschaften. Zum anderen hat jeder niedergelassene Arzt auf eine volle Zulassung 46.800 Minuten pro Quartal zur Verfügung. Aus meiner Sicht ist diese Zeitvorgabe vom Gesetzgeber eine reine Zeitlimitierung zur Behandlung von Kassenpatienten. Ich bezeichne sie als eine fiktive Zeitvorgabe.

Fiktiv – weil…?

Dr. Ghiassi: Weil kein Gesetzgeber dazu in der Lage ist, die Zeiteinteilung für die Behandlung eines Patienten bei allen Ärzten einer Fachgruppe gleichzusetzen. Auch die Nachbehandlung des jeweiligen Patienten ist mit der gleichen Zeit hinterlegt, obwohl diese in der Regel viel kürzer dauert. So verlieren wir aus unserem Zeitbudget Zeiteinheiten, die wir wiederum für weitere Kassenpatienten benötigen.

Medizin Arzt

Was passiert, wenn Sie diese „Zeiteinheit“ überschreiten?

Dr. Ghiassi: Dann droht uns ein Regress . Somit kann der Gesetzgeber genau festlegen, was ein Arzt maximal  verdient, denn außerhalb dieser geregelten Zeiteinheiten darf sich kein Arzt bewegen. Für uns Fachärzte in der Orthopädie und Unfallchirurgie liegt das Honorarvolumen pro Patient im Quartal zwischen 25-37 Euro je nach Altersgruppe und Quartal .

Die Kritik an der Zweiklassen-Medizin, Private – Kassenpatienten: Ist daran etwas dran? Konkret gefragt: Machen Sie in Ihrer Praxis Unterschiede zwischen Kassen- und Privatpatienten, müssen die gesetzlich Versicherten z. B. länger auf Termine warten – und warum?

Dr. Ghiassi: Um ehrlich zu sein: Durch die Privatpatienten erfolgt eine Querfinanzierung der Kassenmedizin. Von Privaten wird nicht nur jede Behandlung bezahlt, sondern es gibt uns gegenüber keinerlei Regressansprüche bei der Verordnung von Therapien und Medikamenten und keinerlei Zeitlimitierungen. In der Kassenmedizin gibt es genaue Vorgaben, wieviel Therapien und wieviele Medikamente verordnet werden dürfen. Bei Überschreitung des Budgets werden wir auch hier zum Regress gezogen. In meiner Praxis haben wir, wie in vielen anderen Praxen auch, gesonderte Sprechstunden für Privatpatienten, damit für alle Patienten ein reibungsloser Ablauf gewährleistet werden kann. Zu den Wartezeiten: Um meine gesamte Zeit in der Praxis den Patienten widmen zu können, haben wir unseren Personalschlüssel soweit aufgestockt, dass ich mich während der Sprechstunde rein auf den Patienten konzentrieren kann. Alles andere, was anfällt, wird von unserem Fachpersonal abgefangen. Alle administrativen Tätigkeiten, die nur ich erledigen kann, haben wir deshalb auch außerhalb der Sprechzeiten und auf die Wochenenden verlagert. Trotz all diesen Maßnahmen und durch ein hohes Patientenaufkommen kommt es in meiner Praxis teilweise zu sehr langen Wartezeiten, die sich leider nicht vermeiden lassen!

Orthopäde Arzt

Fachärztemangel: Gibt es ihn, und wenn ja, warum aus Ihrer Sicht?

Dr. Ghiassi: Die Zulassungsbeschränkung grenzt zwangsläufig die Menge der niedergelassenen Fachärzte ein. Zudem entscheiden sich nicht wenige Ärzte nach Abschluss des Studiums für andere berufliche Tätigkeiten und scheiden aus der Patientenversorgung. 

Deutschland im Superwahljahr: Was könnte und sollte eine neue Regierung in der Gesundheitspolitik am dringendsten besser/anders machen?

Dr. Ghiassi: Die Regierung sollte an erster Stelle die Limitierung der Zeiteinheit in der Kassenmedizin aufheben. Zusätzlich sollte der Gesetzgeber dafür sorgen, dass die Praxen kostendeckend arbeiten können. Was ich besonders schlimm finde: dass viele Parteien auf Kosten der Ärzteschaft auf Stimmfang gehen und dem Wähler nicht die Wahrheit über ihr Versagen in der Gesundheitspolitik nahe legen.

Unsere letzte Frage: Was lieben Sie an Ihrem Beruf am meisten?

Dr. Ghiassi: Für mich ist mein Beruf ein Lebensgefühl und nicht nur ein Job. Als Arzt kann ich für die Gesellschaft einen wichtigen Dienst leisten und Verantwortung übernehmen. Mein Beruf ist sehr facettenreich und erfüllend . Täglich gibt es neuen Herausforderungen und die Arbeit bleibt spannend. Zudem bietet mein Beruf die Möglichkeit, verschiedene Altersgruppen und Kulturen kennenzulernen. Täglich für meine Mitmenschen da zu sein und Ihnen zu helfen – das empfinde ich als ein großes Glück in meinem Leben. 

Steckbrief – berufliche Vita

Dr. med. Ardeshir Ghiassi: Studium der Humanmedizin an der Uniklinik des Saarlandes /Homburg – – – Seit 1. 4. 2004 praktizierender Arzt – – – im Anschluss zahlreiche weitere Qualifikationen an der Uniklinik des Saarlandes und im Ev. Krankenhaus Unna – – – Parallel dazu regelmäßige Fortbildungen zum Erwerb von Zusatzbezeichnungen – – – 1. 4. 2011 bis 30. 6. 2016 Leitung des Medizinischen Versorgungszentrum des EK Unna – – – Seit 1. 7. 2015 selbstständiger niedergelassener Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie in Dortmund-Körne

 

Kommentare (5)

  • Redaktion Rundblick-Unna.de

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    Melanie Roland
    Tolles Interview….und so gut erklärt…ob sich davon jemand was annimmt? …die Patienten schimpfen immer, wenn Ärzte jedes Quartal vorm Quartalsende die Praxis schliessen…aber verdienen tun sie da nichts mehr, weil das Zeitkonto aufgebraucht ist

    Rundblick Unna Diese Zusammenhänge müssten viel öfter und deutlicher transportiert werden, das stimmt! Viele wollen sich leider die Zeit gar nicht nehmen, mal hinter die Zusammenhänge zu dringen.

    Melanie Roland
    Sie wollen es nicht glauben, da das Bild des superverdienenden Arztes immer noch in den Köpfen ist. Was das für Ausmaße in den letzten 20 Jahren genommen hat, ist der Hammer! Wie hirnrissig, Ärzten Minuten vorzuschreiben, wie anstrengend den Patienten zu erklären, warum sie ihre Medikamente von verschiedenen Firmen bekommen (liegt an den Krankenkassen), warum sie keine Physiotherapie bekommen oder Ergotherapie (gibt es auch ein Budget für)…schrecklich…wie soll man das verstehen

    Rundblick Unna Das kann kein normaler Mensch nachvollziehen, Melanie Roland. Auf den Arzt zu schimpfen geht dann immer schnell. Dies ist eines der Interviews, bei denen man auch selbst noch jede Menge neue Erkenntnisse hinzugewinnt. Hochinteressant, wenngleich nicht wirklich erfreulich!

    Kimba Bobby Ein tolles Interview. Einige sollten sich das wirklich mal durchlesen. Vielleicht verstehen sie dann auch deine Wartezeiten.
    Du bist ein fantastischer Arzt. Kenne wirklich keinen besseren.
    UND die Zeitbegrenzung sollte wirklich mal überdacht werden.🖒

    Rundblick Unna
    Wir hoffen SEHR, dass das Interview aufmerksam von vielen gelesen wird, da einige sehr wichtige Fragen angesprochen werden!

    Regina Ri Der allerbeste Orthopäde….ever !!! (y)
    Er ist ja auch mein Orthopäde 😊

    Rundblick Unna Er hat offenbar eine ziemlich große Fangemeinde, ja 😉

    Pixie Sabsi Noela Rundblick Unna mir hat er auch sehr geholfen.Der beste Ortho.

    Greta Berger Toller Arzt und Mensch, der kein medizinisches Fachvokabular runterrasselt und klar sagt was los ist!!!! Gibt genug Fachärzte, die einem nicht in einfacher Sprache was erklären können oder wenn man wieder geht so schlau wie vorher ist, weil sie einem gar nicht richtig zugehört haben und nichts weiter sagen!
    Schade, dass er von Unna weg ist, aber zum Glück nicht weit! 👍

    Süki Karakız Okumus Der Beste! ✌️

    An Ja Der beste Orthopäde

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  • Marco Fliege

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    Als Patient erwarte ich, dass Ärzte sich an die Gesetze halten und mich nicht mit ihren privaten Kostenüberlegungen und -problemen belästigen. Wer mit unseren Kassenverträgen nicht klar kommt, soll sie bitte zurückgeben.

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    • Redaktion Rundblick-Unna.de

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      Wer belästigt dich?

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    • Heiko

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      Sehr geehrter Herr Fliege,
      wer lesen kann, ist hier klar im Vorteil. Leider haben Sie den Beitrag nicht verstanden. Dr. Ghiassi hat hier ganz klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass das vorhandene System weder für die Patienten, noch für den Arzt selber zufriedenstellend ist und wollte darauf aufmerksam machen, dass Seitens der Politik etwas geschehen muss !
      Haben Sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht, was es für die Kassenpatienten wie Sie es sind bedeuten würde, wenn die Mediziber ihre Kassenzulassung abgeben würden ? Offensichtlich nicht ! Ich hoffe für Sie , dass Sie ewig gesund bleiben und solche Personen wie Sie, den Ärzten verschont bleiben !
      Ihr Kommentar ist einfach lächerlich und Dumm zugleich ! Sorry !

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  • schönerstedt

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    Sehr guter Orthopäde der mir mit rat und tat immer zu seite statt . Schade das er nach Dortmud gegangen ist . schönerstedt

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