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Diagnose: Bazillus Philatelicus

Die Briefmarkensammler treffen sich regelmäßig zum Briefmarkentauschen. Foto: Silvia RInke

Die Briefmarkensammler treffen sich regelmäßig zum Briefmarkentauschen. Foto: Silvia RInke

Nicht jeder Briefmarkensammler sammelt zwingend (nur) Briefmarken, und nicht nur Gezacktes fesselt Philatelisten.“Hier: Ein Care-Paket-Anhänger von 1949. Vom amerikanischen DRK in St. Luis. Im Internet-Auktionshaus erworben.“

Jörg Terstegge lässt unverkennbaren Besitzerstolz durchschimmern. „Der Anhänger enthält eine handschriftliche Auflistung, was drin war im Paket. Es war unter anderem Kaffee drin.“

Tja, und da sich Jörg Terstegge auf jedes Postdokument begierig stürzt, das in irgend einer Weise mit dem würzigen Wachmachergetränk zu tun hat, fügte er diesen seltenen Anhänger glücklich seiner Kaffee-Sammlung bei. Diese verfügt inzwischen über stolze 48 Seiten Umfang.

Alle vier Wochen ist Tauschtag

Als Vorsitzender der Philatelisten Unna-Fröndenberg, die sich regelmäßig alle vier Wochen zum Tauschtag in der Lindenbrauerei Unna und im Fröndenberger Gemeindehaus Stift treffen, hat Jörg Terstegge in seiner nun 18 Jahre währenden Sammelwut Kleinode aus aller Welt ergattern können. „Meine Schwerpunkte sind Drachen, Esel, Eulen und Kaffee“, nennt er schmunzelnd seine etwas skurril wirkende Kombi, doch spezielle Leidenschaften sind in Sammlerkreisen naheliegend ausgeprägt vorhanden.

Georg Klein jagt Europa und das Saarland

Georg Klein ist zum Bespiel hinter Europa und dem Saarland her. „Mein Großvater hat schon viel gesammelt, das hat sich offenbar vererbt“, lacht er. Vereinsfreund Jürgen Welte ist der Faszination von Reliefmarken erlegen, die in ihrer Strukur Ölgemälden ähneln. Auch 3D-Marken, „früher Wackelmarken“, ziehen den 67-Jährigen magisch an.

Er besitzt herrlich bunte Stücke aus dem Jemen, dem Königreich Butan… „Oder Marken aus bestimmten Materialien, aus Metallfolie oder Holzmarken…“ Welte redet sich in flammende Begeisterung. Er hat schon „so einige tausend Euro“ für eine Briefmarke ausgegeben. „Für eine einzige.“ Er lacht ohne jede Verlegenheit. „So ist das, wenn das Sammelfieber zuschlägt.“

Viele Philatelisten konzentrieren sich auf Postgeschichte. „Sie sammeln Briefe aus bestimmten Zeiträumen, Preußen zum Beispiel“, weiß Jörg Terstegge. Für andere Sammler ist wiederum ausschließlich Desinfektionspost interessant: „Anfang des 19. Jahrhunderts brachen in Europa Seuchen wie Tuberkulose aus“, klappt Terstegge kurz das Geschichtsbuch auf, „und die Post aus solchen Gebieten wurde zunächst gestanzt und geräuchert. Man glaubte, dadurch würde sie von Krankheitserregern desinfiziert.“

Diagnose: Bazillus Philatelicus

Darf ich Ihnen meine Briefmarkensammlung zeigen? Foto: Silvia Rinke

Darf ich Ihnen meine Briefmarkensammlung zeigen? Foto: Silvia Rinke

Terstegge selbst wurde schon früh „infiziert“ mit dem „Bazillus Philatelicus“, lacht er, er sammelte Briefmarken schon als Kind. Nach einer längeren (berufsbedingten) Pause stieg er spät mit 42 wieder ein und ist jetzt umso begeisterter dabei beim Sammeln, Sichten und Ausstellen – und beim Preise ergattern, nicht zu vergessen.

Wieso das Ganze. Der Kalauer „willst du mal meine Briefmarkensammlung sehen?“ ist so alt wie die Menschheit, und wieso sammelt „man“ (und auch manche Frau, Terstegges Ehefrau Brigitte zum Beispiel) bitte schön – Briefmarken, Postanhänger und Aufkleber teils von Anno tobak und gibt dafür eine Menge Geld aus?

„Es macht Spaß. Im Verein bekommt man so viele interessante Informationen mit, die würde man allein im stillen Kämmerlein nie erfahren. Und dümmer wird man auch nicht dabei“, begründet der Philatelisten-Chef griffig den Sinn dieser so lehrreichen Freizeitbeschäftigung, die sich ja mitnichten nur um Briefmarken dreht.

„Es gab ja diese Zeit der Briefe ohne Marke“, unterstreicht Terstegge. Die erste Briefmarke der Welt war die „One Penny Black“ oder „Penny Black“, die am 1. Mai 1840 in Großbritannien erstmals auf einem „Envelop“ klebte. Seither trat das Zacken bewehrte Zahlungsmittel seinen Siegeszug um die Welt an. Was eine „Black Penny“ für Sammler heute wert ist? Jörg Terstegge lacht: „Für unsereins? Unbezahlbar!“

Die Philatelisten Unna-Fröndenberg, die vor zehn Jahren fusionieren, sind keineswegs ein „Seniorenclub“, sondern ihre Mitglieder – ein Drittel Fröndenberger, zwei Drittel aus Unna – sind sowohl 90 wie sechs Jahre jung. Auf ihrer Website haben die Briefmarkensammler weitere Informationen gesammelt.

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