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Bekenntnisse eines Narrenschiff-Ultra

Sowas von witzig. Sowas von soviel Schminke. Sowas von abgedreht. So zum Wegschmeißen komisch, mitreißend, hinreißend! Sowas von Narrenschiff einfach.

Man wundert sich nicht mehr über den Run auf „Alice im Wunderland“, wenn man das märchenhafte Kostüm-Musikspektakel endlich selbst drei Stunden lang in vollen Zügen genießen konnte… das konnte nicht jeder, der wollte, denn André Deckers farbsprühende musikalische Inszenierung des Kinderbuchklassikers von Lewis Carroll war schon vor der Sommerpause durchweg auverkauft.

Jetzt zum Start in die neue Saison wieder, und auch für die letzten beiden Aufführungen jetzt am 12. und 19. Oktober gibt´s keine einzige Karte mehr. So schade; für alle, denen das närrische Wunderland verborgen bleibt. Vor allem, weil die zauberhafte Alice (gespielt und herrlich gesungen von Lilja Kopka) mit ihren schrägen Gesellen – Märzhase, Grinsekatze, fies (!) sprechende Blumen, blutrünstigen Spielkarten… – wunderbar die Vorweihnachtszeit bereichert hätte. Doch dann stehen wieder neue Stücke auf dem ambitionierten Narrenschiff-Spielplan.

Hypnose im knarrenden Polstersessel

Ich oute mich hier mal als hoffnungsloser Fan. Ich bin Narrenschiff-Ultra. Bei jeder Aufführung, egal wie sperrig und wie lang sie ist (und André Decker vermag seehr lange Stücke zu inszenieren…) sitze ich wie festgenagelt in einem dieser knarrenden Polstersessel und verfolge das Geschehen wie hypnotisiert. Ich bin fasziniert über diese Kuriositäten, Wagnisse, kreativen Experimente und Waghalsigkeiten bis zur Tollkühnheit.

Ich staune immer wieder über die Riesenleistungen dieses kleinen Theaters, dessen Ensemble ja fast ausschließlich ehrenamtlich agiert, aus Freude am Thater und der Lust an der Verwandlung, ohne Rücksicht auf die Freizeit (es geht viel dabei drauf) und Geld (es gibt keins). Eigentlich rechne ich schon seit Jahren täglich damit, dass André Decker – dieses Multitalent aus Regisseur, Tänzer, Sänger, Darsteller, der sogar als diabolisch geschminkte Blume herrlich fies eine tragende Figur im Stück ausfüllt – dass er zu großen Bühnen nach Berlin, Köln oder Hamburg abwandert, sogar international wäre eine Vielzahl der tn-Inszenierungen problemlos konkurrenzfähig. Statt dessen Unna – ein Kuriosum und irgendwie faszinierend.

Ein Kleinod der Kleinkunst

Alice im Wunderland im Theater Narrenschiff Unna

So wenige Karten für Alice? Kopf ab! Foto:tn

Vielleicht erleben wir es noch irgendwann in der (immerhin selbst ernnannten) Kulturstadt Unna, dass sich ein Vertreter von Stadt, Politik bei einer Narrenschiff-Aufführung blicken lässt, vielleicht trägt dieser Jemand (es muss ja nicht zwingend der Bürgermeister selbst sein, es gibt ja auch Vertreter oder den Kulturausschuss) einen Blumenstrauß bei sich; muss kein großer sein, die Geste zählt. Einfach als Dankeschön und Anerkennung für diese jungen Kreativposten, die sich vielleicht ermuntert fühlen könnten, auch die nächsten Jahre unentgeltlich die Unnaer Kultur zu bereichern. Wie selbstverständlich das überhaupt nicht ist, hat sich scheinbar noch nicht überall herumgesprochen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass im hintersten Raum des Lindenbrauerei-Obergeschosses ein Kleinod der Kleinkunst schlummert.

Steht die Zukunft auf dem Spiel?

Dessen Zukunft steht mit dem Kulturzentrum akut auf dem Spiel, deswegen braucht auch das Narrenschiff zusammen mit dem gesamten Kulturzentrum Lindenbrauerei ein klares Bekenntnis von der Stadt und ihren Politikern: Wieviel ist Unna die (Unnaer) Kultur in Cent und Euros wert? Dazu ein kurzes Gedankenspiel: Die Camera Obscura auf dem Platz der Kulturen (gut, ich fand diesen Betontrichter schon immer überflüssig und unansehnlich) war der Stadt und ihren Politikern damals über eine halbe Million Euro wert; 150 000 sind immer noch offen, da sie zwischendurch als überraschender Kredit auftauchten und keiner bis heute weiß, wer schlussendlich die Rechnung mit Zins und Zinseszins zahlt (wohl wieder wir Steuerzahler).

Die obskure Halbmillionenanschaffung wird jedenfalls heute (zuletzt von SPD-Chef und Kulturausschussvorsitzendem Michael Hoffmann bei uns im Rundblick-Interview) mit den ca. 5000 Besuchern gerechtfertigt, die Oscura-bedingt nun zusätzlich jährlich zur Lichtkunst strömen; „überregionalen“ Besuchern. Nun ja, 5000 kann das Narrenschiff mit ca. 100 gut besuchten Aufführungen ebenfalls locker schaffen, doch das sind dummerweise keine „überregionalen“ Besucher. Vielleicht liegt´s ja daran.

Kommentare (2)

  • regina ranft

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    danke für diesen leidenschaftlichen apell für das narrenschiff und das kulturzentrum damit auch!
    denn wie sagte andre decker erst kürzlich,ohne das auch das narrenschiff nicht leben könnte,fließt
    doch einiges an direkter und indirekter unterstützung vom großen tanker kühlschiff in das geschätzte beiboot narrenschiff!

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  • Silvia Rinke

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    Ohne Leidenschaft stirbt einfach jegliche Kultur.

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