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Ausgebremst: Unnas Tempo 30-Disput – einmal pro, einmal contra

 Tempo 30 auf Unnaer Hauptverkehrsstraßen, etwa auf der Friedrich-Ebert-Straße. Eine Empörungswelle von mittlerem Tsunami-Kaliber schwappte über Rundblick Unna.de an dem Abend, als der Stadtrat mehrheitlich beschloss: Die Verwaltung soll die Einführung von Tempo 30 auf zahlreichen Hauptstraßen prüfen.
Zu den Befürwortern zählte Klaus Göldner (Freie Liste Unna/FLU), zu den erbitterten Gegnern Rudolf Fröhlich (CDU). Beide beantworteten uns unabhängig voneinander 7 Fragen zum hitzig debattierten 30er-Thema.
  1. Tempo 30 auf den verkehrsreichsten Hauptstraßen: Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Rudolf Fröhlich

Rudolf Fröhlich: In der Tat widersinnig! Es ist so, als würde man sich einen Porsche kaufen und dann den Motor auf 100 km/h drosseln. Wer macht sowas??
Klaus Göldner: Nun ja, man könnte glauben, hier läge ein Widerspruch. Auch ich habe in der Vergangenheit immer geglaubt, dass die Leistungsfähigkeit einer Hauptverkehrsstraße bei Tempo 30 nicht mehr gewährleistet ist. Neueste wissenschaftliche Untersuchungen belegen jedoch, dass dies nicht der Fall ist.
  1. Auf Rundblick Unna.de hat der Bericht über das Ja des Stadtrats zu den Tempo 30 Plänen der Stadt einen regelrechten Tsunami ausgelöst. Haben Sie derart heftige Reaktionen erwartet?

göldner 1

Klaus Göldner: Durchaus. Die meisten unserer Mitbürger müssen ihr Auto täglich für den Weg zur Arbeitsstelle nutzen. Für immer mehr Menschen ist das Fahrzeug der Arbeitsplatz. Schlechte Straßen und regelmäßige Verkehrsbehinderungen frustrieren dabei zunehmend. Viele glauben, sie verlören Zeit durch eine Geschwindigkeitsreduzierung. Zeit, die für die Familie oder andere schöne Dinge verloren geht. Das weckt natürlich Emotionen, zumal die alten Vorurteile gegen Tempo 30 immer wieder neu verbreitet werden.
Rudolf Fröhlich: Ich hatte schon Proteste erwartet, aber das sie so heftig und deutlich ausfallen würden, das hat mich auch überrascht. Es zeigt aber m.E. nur sehr deutlich, was des Volkes Meinung in dieser Frage ist!
    3. Ihre Fraktion hat sich in den Abstimmungen in den Fachausschüssen und zuletzt im Rat klar positioniert. Würden Sie kurz noch einmal Ihre Hauptargumente zusammenfassen?
    Rudolf Fröhlich: Unsere Hauptargumente sind:
    -Hauptverkehrsstraßen sollen Hauptverkehrsströme möglichst flüssig ableiten. Sie sind somit naturgemäß keine verkehrsberuhigten Bereiche.
    -Tempo 30 verschärft die Probleme, die der starke Verkehr ohnehin schon macht
    -die Behauptung, Tempo 30 wirke lärmmindernd, halten wir für falsch. Ein Beispiel: Mit meinem Auto (1 Jahr alt, 6-Gang-Getriebe) fahre ich bei Tempo 30 im 2. Gang, der Motor hat dann eine Drehzahl von ca. 1800 – 1900 U/min. Bei Tempo 50 fahre ich hingegen bereits im 4. Gang, die Motordrehzahl liegt dann bei lediglich 1200 – 1300 U/min. Es dürfte wohl niemand bestreiten, dass mein Motor bei 1800 U/min. lauter sein dürfte als bei 1300 U/min. Außerdem produziert er bei höheren Drehzahlen mehr Abgase.
    • Zumindest während der Hauptverkehrszeiten dürften künstliche Staus produziert werden. Und evtl. wird man versuchen, sich andere Wege (durch Wohngebiete??) zu erschließen. Wir laufen also Gefahr, das Problem in andere Bereiche zu verlagern.
    • -Verbote/Gebote sind in der Praxis nur wirksam, wenn sie auch überwacht werden.
    -Tempo 30 zum Lärmschutz wird m.E. hauptsächlich von der Fahrrad-Lobby und von den Grünen gefordert – aus ideologischen Gründen. Es sind leider die gleichen Leute, die seit Jahren den von CDU (auch die SPD in Unna ist dafür) geforderten Bau einer Umgehungsstraße (Westtangente) verhindern möchten. Ministerpräsidentin Kraft hat das Projekt für Unna jedenfalls kürzlich auf niedrige Priorität herabgestuft. Danke dafür!
    -Last but not least haben der Kreis Unna und der Landesbetrieb „Straßen NRW“ bereits erklärt, dass sie der Regelung nicht zustimmen werden.
    Klaus Göldner: Ein gut begründetes Gutachten hat bewiesen, dass Tempo 30 auf bestimmten Innenstadtstraßen spürbar Lärm reduzieren würde. Die Lösung wäre kostengünstig und schnell umzusetzen. Sie brächte mehr Verkehrssicherheit, weniger schwere Unfälle und geringere Schadstoffemissionen.
    Die Gegner stoßen sich vornehmlich an der Tatsache, dass auch Hauptverkehrsstraßen ( Friedrich-Ebert-Straße, Iserlohner Straße, Kleistraße) einbezogen werden. Untersuchungen in anderen Städten sowie eine neue Studie des Umweltbundesamtes belegen eindeutig, dass die Befürchtungen allesamt unnötig sind. Insbesondere wurde festgestellt, dass die Hauptverkehrsstraßen kaum an Leistungsfähigkeit verlieren, die Fahrzeiten sich nicht unnötig und unzumutbar erhöhen, es nicht zu mehr Verkehrsstockungen kommt, die Verkehrsteilnehmer sich keine „Schleichwege“ suchen, es nicht zu höheren Schadstoffemissionen kommt und die meisten Kraftfahrer sich auch ohne ständige Überwachung an die Beschränkung halten.
      4. Die Stadtverwaltung Unna geht selbst davon aus, dass ein verfügtes Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen gar nicht erst genehmigt bzw. direkt wieder einkassiert wird. erkommt dieser Beschluss – über den gut 2 Jahre diskutiert – dadurch nicht zur Groteske?
      Klaus Göldner: Die Stadt kann Tempo 30 gemäß des Lärmaktionsplanes zunächst umsetzen. Es ist aber auch richtig:r Kreis und Land haben bereits Widerstand angekündigt. Diesen Konflikt gilt es zunächst auszuhalten. Die lärmgeplagten Anwohner haben ein Recht darauf, dass endlich konkrete Maßnahmen getroffen werden. Der Trend geht eindeutig in Richtung Tempo 30. Verkehrsgerichtstag und Verkehrsministerkonferenz dokumentieren einen diesbezüglichen Sinneswandel. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Beschluss letztendlich bestehen wird.
      Rudolf Fröhlich: Was soll ich Ihnen darauf antworten außer ein eindeutiges und dickes JA!
      5. Was antworten Sie aufgebrachten Bürgern, die Sie fragen, ob sie jetzt künftig für die 6 km von Unna nach Kamen eine Stunde früher aufstehen sollen?
      Rudolf Fröhlich: Denen antworte ich: Bedankt Euch bei der SPD, bei den Grünen, bei den Linken, bei der FLU und bei dem fraktionslosen Ratsmitglied Tetzner. Die haben es zu verantworten, weil sie es mit ihren Stimmen durchgedrückt haben!
      Klaus Göldner: Ich würde ihnen sagen, dass sie sicher keine Stunde früher aufstehen müssen. Versuche haben ergeben, dass die Temporeduzierung von 50 auf 30 km/h die Reisezeit um maximal 4 Sekunden pro 100 Meter verlängert. Ein jeder kann sich nun ausrechnen, wie viel früher er aufstehen muss. Bedacht werden sollte auch, dass man bereits heute nicht durchgehend 50 km/h auf unseren Hauptverkehrsstraßen fahren kann .
        6. Gesetzt den Fall, die Tempo 30-Pläne werden von den übergeordneten Behörden wieder einkassiert: Muss Unna mit seiner Umsetzung des Lärmaktionsplanes dann wieder ganz von vorn anfangen? Und wie dann?
        Klaus Göldner: Wie gesagt, ich gehe davon aus, dass die Regelung Bestand haben wird. Wenn nicht, hätten wir bei der Suche nach anderen Lösungen nur etwas Zeit verloren. Die 30-Schilder können auf Vorrat eingelagert werden. Alle Alternativen – z. B. Baumaßnahmen an Häusern – würden sowieso erheblich länger dauern. Möglich wäre noch schalldämpfender Straßenbelag (Flüsterasphalt).
        Hierzu hat die FLU vor einiger Zeit einen Antrag gestellt. Es sollte zukünftig auf lärmbelasteten Innenstadtstraßen nur noch ein solcher Belag verwendet werden. Der Antrag wurde abgelehnt, da die Dämpfungswirkung angeblich erst bei höheren Geschwindigkeiten eintritt und das Material teurer ist. An neuen Fahrbahnbelägen wird ständig geforscht. Wir werden das weiter beobachten.
        Rudolf Fröhlich: Von ganz vorne sicherlich nicht. Aber man wäre dann m.E. auf bauliche Maßnahmen (evtl. lärmmindernden Asphalt, Lärmschutzfenster usw.) beschränkt. Und vielleicht würde man endlich in Sachen Westtangente mehr Druck bei der Landesregierung machen!
        1. Schlussfrage: Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Tempo 30-Schild. Wo in Unna würden Sie am liebsten aufgestellt werden?
        Rudolf Fröhlich: Gute Frage! Vor einem Kindergarten, vielleicht auch vor einem Altenheim oder vor einem Krankenhaus. Ganz gewiss aber nicht aus Lärmschutzgründen an einer Bundesstraße!
        Klaus Göldner: Na ja, ich hatte bislang noch nicht den Traum, ein Verkehrsschild zu sein. Oft nicht beachtet, mit allerlei bunten Aufklebern „verziert“ und von Hunden angepinkelt zu werden, ist dann ja auch keine schöne Vorstellung. Wenn aber doch, würde ich mich auf die Friedrich-Ebert-Straße stellen. In Höhe des Kreishauses gibt es immer was zu sehen.

        Kommentare (2)

        • Mike

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          Ich habe es zu genüge in einer grösseren Stadt erlebt, dort ist Tempo 30 eingeführt worden.

          Tagsüber machte es keinerlei Unterschied laut Anwohner ob der Verkehr sich mit 50 km/h oder 30 km/h durchschiebt. Den Unterschied den sie ausmachen konnten war hingegen die Verkehrsdichte, an z.B. Feiertagen war es wesentlich leiser.

          Die beste Lösung ist somit die Verkehrsdichte zu senken, also Umgehungsstrasse.

          Tempo 30 ist einfach nur nervig für den Autofahrer, fährt man tatsächlich 30 wird man ganz oft massiv bedrängt, psychologisch Tempo 30 auf einer breiten Straße zu fahren ist einfach nur nervenaufreibend und man verliert die Aufmerksamkeit die man sonst hat wenn an Gefahrenstellen Tempo 30 ist.

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          • Redaktion Rundblick-Unna.de

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            Die Diskussion bleibt spannend – die Stadt will es zumindest versuchen…

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