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Atemloses Herzschlag-Konzert zu Christi Sterbestunde

Intensiv und musikalisch hochklassig sind sie immer, die Konzerte zur Sterbestunde am Karfreitagnachmittag in der Evangelischen Stadtkirche. Eher schlicht sind sie indessen meist, klar, schnörkellos, zur Nachdenklichkeit anregend am Todestag Christi.  Doch diesmal…

… ließen sowohl das ausgesuchte Werk wie auch seine Darbietung den über 500 Besuchern in der Stadtkirche schier den Atem stocken.

Die Nicolai-Kantorei sang unter Hannelore Höfts Leitung „Die sieben Worte Christi“ von Theodore Dubois (1837 -1924), begleitet von der jungen Daria Burlak an der Orgel und unterstützt von drei herausragenden Solisten. Es wurde ein Konzerterlebnis, das nur knapp eine Stunde währte, bei dem jedoch das Herz schneller schlug und das nicht wenigen Zuhörern beim Verlassen der Kirche das Bekenntnis entlockte: „Ich hatte von Beginn bis zum Schluss Gänsehaut.“

Hannolore Höft

Kirchenmusikdirektorin Hannelore Höft leitete das Konzert zur Sterbestunde, das in der Reihe der „Unnaer Abendmusiken“ am Karfreitag traditionell um 15 Uhr aufgeführt wird – zur Todesstunde Christi.

„Die sieben Worte Christi“ umreißen eine nur knappe Zeitspanne des Leidens und Sterbens Jesu: von seiner Verurteilung und Kreuzigung (Erstes Wort) bis zu seinem letzten Atemzug, nach dem Finsternis über die Erde fällt und der Vorhang des Tempels zerreißt. Die Nicolai-Kantorei ist gleich im ersten Wort als aufgebrachtes Volk gefordert: „Schuldig ist er, schuldig des Todes! Sterben soll er, hängt ihn auf am Kreuze!“, skandiert der Chor machtvoll und voller Wut. Die fantastischen Solisten – Mezzosopranistin Rebecca Engel, Tenor Mario Ahlhorn und ein überragender Gerrit Miehlke (Bass) – kommen in wechselnden Rollen zum Einsatz. Mal singen sie einzeln, mal abwechselnd, dann wiederum mit dem Chor zusammen und immer auf höchstem stimmlichem und klanglichem Niveau.

Gerrit Miehlke

Gerrit Miehlke (Bass) bot ebenso wie die weiteren Aufführenden eine erstklassige, fesselnde Leistung.

Faszinierend an Dubois´musikalischen Passionswerk ist sein unerhörter Abwechslungsreichtum, gepaart mit wunderbar tröstenden Elementen gleich von Beginn an. Kein tieftrauriges melancholisches Karfreitagswerk wird dem Musikfreund und Christen hier geboten, sondern tröstliche Verheißung gleich im „Zweiten Wort“. Licht und friedvoll perlt da die Orgel, als Jesus dem gekreuzigten Räuber zu seiner Rechten verspricht: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein“. Die Szene, wie Jesus zwischen zwei Schwerverbrechern am Kreuz verblutet, ist in ihrer bildlichen Vorstellung schwer auszuhalten und schrecklich vorzustellen. Und doch schrieb Theodore Dubois die Musik dazu sanft, melodiös, mit fast heiterem Grundtenor.

Das „Fünfte Wort“ ist ein Paukenschlag: Da darf der Chor als Volk ganz neudeutsch „Bah!“ brüllen, und nochmal „Baaah“ – langgezogen und laut nachhallend in der ohnehin nachhallgewaltigen Stadtkirche, voll höhnischen Abscheus gegen den Gemarterten am Kreuz: „Bah! Du wolltest den Tempel zerstören! Du wolltest Christus sein, wolltest Gottes Sohn sein, steig doch herab vom Kreuze. Baah!!“

Jesus (Gerrit Miehlke) flüstert nur zu Tode erschöpft: „Mich dürstet.“ Einmal zum Beginn, einmal am Ende. Gänsehaut, so intensiv ist diese Szene. Im siebten und letzten Wort treffen sich Solisten, Chor und Orgel zum dramatischen und schließlich hauchzart verebbenden, verheißungssfreudigen Ende: Jesus schreit laut auf, spricht „Es ist vollbracht“ und stirbt. „Und es war um die sechste Stunde, da schwand die Sonne hin, es wurde finsterste Nacht rings auf der Erde. Der Vorhang im Tempel zerriss, die Erde erbebte und der Fels zersprang, die Gräber der Toten taten sich auf!“

Unbenannt

Daria Burlok entlockte der Orgel ekstatische Klänge.

Daria Burlak lässt die Orgel regelrecht explodieren, furios überschlagen sich die Töne, und fast meint man das Klappern der Gebeine in den sich schaurig auftuenden Gräbern zu hören. Und dann – Stille – es ist vollbracht.

Die letzten Worte, die der Chor mitreißend gefühlvoll und seelenvoll singt, sind: „Anbetung, Dank und Ehre.“ – Sei dir, o Heiland, erwiesen: Durch deinen Tod am Kreuze schenkest du der Welt Erlösung.

Großartig.

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Nach dem Konzert noch langes Verweilen auf dem Kirchplatz, um das Gehörte nachhallen zu lassen.

(Bilder: Nicolai-Kantorei / Rundblick Unna)

Kommentare (2)

  • gertrud schaefer

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    Vielen Dank, schon beim Einstudieren dieses Werkes war ich hingerissen von dieser Musik, die tief berührt.

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