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Ahoi: Auf Riff gesetzt und wieder flott gemacht – Interview mit Pirat Christoph Tetzner

 Rundblick Unna unterhielt sich mit Christoph Tetzner, dem Fraktionsvorsitzenden der Piraten im Stadtrat Unna.


Herr Tetzner, wie fühlt man sich als Buhmann der Stadtverwaltung?

Christoph Tetzner: Tja… ich bin ja nicht in die Politik gegangen, um beliebt zu sein. Dafür wurde ich nicht gewählt. Wer sich in den Sturm stellt, muss damit rechnen, dass er nass wird.

In den acht Monaten seit Ihrer Wahl sind Sie – sehr piratengemäß – aber schon ziemlich nass geworden. Als unbequemer Geist dürften Sie spätestens seit der Debatte um die Lindenbrauerei-Zuschüsse berüchtigt sein: Sie forderten – als Erster und bis heute Einziger, von Ingrid Kroll (SPD) und der FDP abgesehen – eisern eine Spartenrechnung für die Lindenbrauerei. Eigentlich verlangten sie damit ja nur simpel die Einhaltung von EU-Recht, dennoch kam das gar nicht gut. Haben Sie sich damit im Rathaus Türen zugeschlagen?

Christoph Tetzner: Ich sage es mal so: In persönlichen Gesprächen mit der Verwaltung konnte mir glaubhaft gemacht werden, dass dem nicht so ist.

Christoph Tetzner Piraten

Bunkert die Verwaltung Infos?

Christoph Tetzner: Diese 70 000 € Sonderzahlung an die Lindenbrauerei – zusammengekratzt aus Haushaltsresten 2014, wie uns der Kämmerer erklärte. Eine exakte Auflistung dieser, ich zitiere Herrn Mölle, „Kleckerbeträge“ wird Ratsmitgliedern auch auf wiederholte Aufforderung nicht vorgelegt. Das geht so nicht.

Blicken wir mal auf Ihren politischen Werdegang. Was viele nicht wissen: Sie haben eine konservative Vergangenheit. Ihre politische Wiege ist die CDU.

Christoph Tetzner: 1996 war ich Vorsitzender der Jungen Union in Nordkirchen. Der CDU-Bürgermeister wollte mich zwingen, mit der JU Plakate für Helmut Kohl zu kleben. Kohl trat damals zu seiner letzten Amtszeit an. Das war auch in der CDU umstritten. Ich wollte nicht für Kohl Kanzlerwerbung machen, daher habe ich hingeschmissen.

Danach lag Ihr politisches Engagement erst mal auf Eis?

Christoph Tetzner: Genau. Am 15. 5. 2012 bin ich in die Piratenpartei eingetreten.

Wieder als Akt trotziger Rebellion? CDU und Piraten – weiter auseinander geht´s ja kaum.

Christoph Tetzner: Als Akt der demokratischen Überzeugung. Wenn ich Missstände in der Gesellschaft kritisiere, sollte ich auch aktiv an Verbesserungen mitarbeiten. Das war immer meine Meinung. Auf die Piraten kam ich wegen ihrer basisdemokratischen Ausrichtung. Das findet man nur bei sehr wenigen Parteien.

Findet man sie in Unna?

Christoph Tetzner: Die Grünen sagen es ja von sich selbst… und natürlich die Linken. Aber auch da findet man die typischen parteipolitischen Spielereien. (Grinst) Das beherrschen die alle ganz gut. Bezüglich CDU und Piraten: So groß ist die Kluft auch nicht. Nicht mehr. Die Piraten haben sich von nackter Chaostruppe zur linksliberalen Partei entwickelt.

Na ja, Herr Tetzner, wenn sich Ihre Piratenfraktion im Stadtrat kein halbes Jahr nach der Kommunalwahl wieder selbsttätig pulverisiert: Finden Sie nicht, dass darauf das Wort „Chaostruppe“ zutrifft?

Christoph Tetzner: Das war natürlich richtig Mist. Wir haben einen klaren Wählerauftrag. Aber es ist uns gelungen, den Fraktionsstatus wiederherzustellen.

Indem Heike Palm – die die Fraktion verlassen hatte – ihr Ratsmandat zurückgegeben und damit den Weg für den Nachrücker Christian Ross freigemacht hat. Völlig frei von parteitaktischen Spielchen, Herr Fraktionsvorsitzender?

Christoph Tetzner: Meine Hochachtung für Heike Palms Entschluss. Wenn wir uns im Rat umsehen – Jörg Hißnauers Fraktionsaustritt bei der FW/FLU: Nicht jeder hat die Größe zu so einer Entscheidung. Ohne Fraktionsstatus vergeuden wir an ganz vielen Stellen Ressourcen und Möglichkeiten.

Christoph Tetzner Piraten

Hat man Ihnen gratuliert?

Christoph Tetzner: (schmunzelnd) Viele haben sich nicht gefreut. Gratuliert? – Ich glaube, der Bürgermeister.

Für den Sie als Piratenvertreter – ich zitiere hier mal den Auslöser für Ihre erste ernste Konfrontation mit Werner Kolter – kein „relevanter Gesprächspartner“ sind? Oder vielmehr: waren?

Christoph Tetzner: Ich empfand es durchaus als Affront, als gewählter Ratsvertreter als nicht relevanter Gesprächspartner bezeichnet zu werden. Werner Kolter hat sich aber persönlich entschuldigt, und ich habe keine Probleme mit ihn… denke ich.

Haben Sie Probleme mit der SPD?

Christoph Tetzner: Wie kommen Sie auf die SPD?

Weil Sie sich mit dem verstorbenen Fraktionsvorsitzenden Michael Hoffmann hervorragend verstanden haben und das Verhältnis zu seinem Nachfolger eher auf Konfrontation gebürstet erscheint.

Christoph Tetzner: In der SPD gibt es momentan zwei, drei unterschiedliche Strömungen, die ein Abschätzen zu irgendwelchen Sachverhalten sehr schwierig bis unmöglich machen. Michael Hoffmann hat über die Parteigrenzen hinaus agiert. Er hat mir viele Dinge erklärt, hat mich als Neuling ein bisschen an die Hand genommen. Er war ein sehr offener Mensch. Michael fehlt mir als Politiker und als Mensch.

Ist da jetzt ein Vakuum?

Christoph Tetzner: Die SPD jetzt im Moment… ja, was oder wer ist „die SPD Unna“? Da kommt nichts! Statt Ideen einzubringen, selbst aktiv zu gestalten, wird abgewartet, was die Verwaltung macht. Die SPD verkauft diese Vorschläge anschließend als ihre eigenen Anträge. So eine Art von Politik ist für mich schwer erträglich. Und das soziale Gewissen der SPD findet nur noch auf dem Papier statt. Zu behaupten, auf dem Brockhausplatz werde sozialer Wohnungsbau verwirklicht, und gleichzeitig 300 Euro pro Quadratmeter abzunicken: Geht´s noch?

Christoph Tetzner Piraten

Kann es sein, dass Sie gerade wütend werden?

Christoph Tetzner: Der Zustand der stolzen Unnaer SPD ist für mich ein Trauerspiel! In der GroKo hat die CDU das Sagen. Die SPD läss sich am Nasenring durch die Manege ziehen.

Wie sehen Sie denn die Schnittmengen der Piraten zu den anderen Parteien im Rat? Skala 1 bis 10.

Christoph Tetzner: CDU: Man spricht miteinander. Es gibt gute Ansätze zur Lindenbrauerei. Andererseits: Wie ernst kann ich eine Partei nehmen, die einen 70 000 €-Sonderzuschuss für die Lindenbrauerei einfach durchwinkt und im Vorjahr noch wegen 75 000 € einen Bürgerentscheid wollte? Über die Abwertung des Stadtverbandsvorsitzenden von uns kleineren Parteien – die ja auch Volker König von der SPD vorgenommen hat – kann ich nur lachen: Bei der Bundes-SPD denke ich derzeit eher ans Projekt 18 der Westerwelle-FDP damals.

Die kleineren Parteien?

Christoph Tetzner: Grüne: Wäre die Energiewirtschaft nicht, hätten wir eine 9 bei den Übereinstimmungen. Ebenso mit den Linken. Freie Wähler: Mit Klaus Göldner habe ich ein sehr gutes persönliches Verhältnis und auch viele Schnittmengen.

Sie teilen ja immerhin auch eine CDU-Vergangenheit.

Christoph Tetzner: (grinst) Ja, daran wird es liegen.

Bleibt noch die FDP, die in Person von Martin Bick und vor allem Andreas Tracz momentan ja auch ein gewisses Revoluzzerpotenzial entwickelt…

Christoph Tetzner: Ich glaube durchaus, dass Ideen und gute Argumentationen von Andreas Tracz und Martin Bick zu kurz kommen. Insgesamt ist uns Piraten eine Partei wie die FDP aber zu wirtschaftsfocussiert. 7, 8 auf der Skala.

Christoph Tetzner Piraten

Darf ich Ihnen abschließend eine persönliche Frage stellen?

Christoph Tetzner: Machen Sie.

Wie gehen Sie damit um, dass Ihnen mittlerweile schon drei Verhältnisse mit drei verschiedenen Damen nachgesagt werden, mit denen Sie sich – augenscheinlich und sehr offensichtlich – sehr gut verstehen?

Christoph Tetzner: (sehr langsam und deutlich) Das ist nicht nur grottenschlechter Stil, sondern auch grottenschlecht recherchiert. Ich bin seit 13 Jahren verbandelt mit meinem Lebensgefährten und seit 10 Jahren mit meinem Bernhardiner. Wir führen eine sehr glückliche Langzeitbeziehung zu dritt. Ich finde es ganz, ganz schäbig, wenn man versucht, auf diese Weise „Politik“ zu machen. Ich bin mit diesen Frauen persönlich befreundet, und so ein Gerede verletzt. Es verletzt im Übrigen auch die jeweiligen Partner, meinen eigenen inbegriffen. Davon mal abgesehen: Drei Frauen in acht Monaten. Na Hut ab, Herr Tetzner!

Eine leicht verkürzte Print-Fassung dieses Interviews finden Sie in unserem Monatsmagazin „Rundblick Unna“, das kostenlos in Unna, Kamen und dem Umkreis ausliegt.

 

Kommentare (11)

  • Manfred Hartmann via Facebook

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    Zu politischen Interviews in der Kreisstadt gehören nun also auch Fragen zum Liebesleben. Da spare ich mir ja glatt die BUNTE-Lektüre beim Friseur. Und dann dann so eine Wende bei der Antwort: Wooooooooowh!

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    • Rundblick Unna via Facebook

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      Da die angesprochenen Gerüchte aus der Politik gestreut wurden, hatten sie für dieses Gespräch durchaus gewisse Relevanz, Manfred Hartmann.

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  • Manfred Hartmann via Facebook

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    Mich hat das Streugut erst mit diesem Artikel erreicht.

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    • Rundblick Unna via Facebook

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      Das liegt wahrscheinlich daran, dass du dich mit Bunte-Themen normalerweise nicht auseinandersetzt, lieber Manfred Hartmann. 😉 Streugut ist gut.

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  • Manfred Hartmann via Facebook

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    Nein, das liegt daran, dass BUNTE früher BUNTE war und Lokaljournalismus Lokaljournalismus.

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  • Manfred Hartmann via Facebook

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    ……oft ist Widerlegen das Streuen selbst…..

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    • Rundblick Unna via Facebook

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      In diesem Fall hatte der Interviewte sehr triftige Gründe, dieses Thema anzusprechen. Diiese hatten im Übrigen nichts mit Effekthascherei zu tun.

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  • Martina Kleist

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    Wen interssiert das Liebesleben von Herrn Tetzner? Und wen interessiert was er von den anderen Parteien im Rat denkt? Das gesamte Interview zeigt nur Selbstüberschätzung und Klamauk. Ich habe seit 2010 Piraten gewählt, weil mich Frau Palm mit ihrer immer sachlichen Argumentation überzeugt hat. Ich bedaure diesen Wechsel sehr. Ein Herr Tetzner ist für mich und meinen Bekanntenkreis unwählbar!

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  • Margarethe Strathoff via Facebook

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    ..ich habe das Interview auch gelesen und fand es gut. Vielleicht hat das Liebesleben eines Politiker in der Kommunalpolitik nichts zu suchen, aber in der Tat, ist es leider bei Einigen Thema und eine schäbige verbale Waffe, jemanden zu diskreditieren! Da ist es dann nur legitim & sein Recht, dieses mal kurz zu bemerken und klar zu stellen..schließlich hat er auch ein Privatleben, wo er machen kann, was er will 😀 😉 😉 ..menschlich halt

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  • petra weber

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    Ist der Bernhardiner wieder auferstanden?

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